George W. Bush war der erste Politiker, den ich bewusst wahrnahm – und mein gerade erwachender politischer Geist war sich damals sicher: Dieser Mann ist der Teufel höchstpersönlich. Schließlich stürzten seine Kriege Millionen Menschen ins Unglück. Afghanistan und insbesondere der auf Lügen gebaute Irakkrieg bleiben zu Recht die dunklen Pfeiler seines politischen Erbes.
Doch dieses Erbe ist komplexer. Bevor seine verhängnisvollen Fehler ihn für einen Großteil der Welt zum Inbegriff des Bösen machten, war Bush der Mann, der die USA durch eine ihrer schwersten Krisen steuerte. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 trafen Amerika mitten ins Herz. Seine souveräne Krisenkommunikation in jenen Tagen bringt ihm bei vielen Amerikanern bis heute Respekt und Dankbarkeit ein. Drei Zahlen verdeutlichen, wie wirkungsvoll der US-Präsident in den Wochen nach 9/11 agierte:
Es lohnt sich daher, die Erfolgsfaktoren von Bushs Krisenkommunikation genauer zu analysieren.
Krisenzentrum Klassenzimmer
In der Krisenkommunikation gilt als oberstes Gebot: Wer nicht rasch die Informationshoheit übernimmt, verliert sie an Spekulationen und Gerüchte, die sich später kaum noch einfangen lassen.
Bushs Administration war entschlossen, dieses Vakuum gar nicht erst entstehen zu lassen. Am Morgen des 11. Septembers besuchte Bush eine Grundschule in Sarasota, Florida. Vor den Augen der Schulkinder erfuhr er von den Angriffen. Nur 28 Minuten nachdem das zweite Flugzeug in den World Trade Center eingeschlagen war, trat der Präsident noch im Klassenzimmer vor die Kamera, um das Geschehen öffentlich als Krise zu benennen.
In der Praxis orientiert man sich oft an der sogenannten 15–20–60–90-Regel:
- 15 Minuten: Krise anerkennen – Handlungsbereitschaft signalisieren.
- 20 Minuten: Erste gesicherte Fakten oder ein Holding Statement abgeben.
- 60 Minuten: Detaillierte Informationen und konkrete nächste Schritte kommunizieren.
- 90 Minuten: Für ein umfassendes Medienbriefing bereitstehen und den weiteren Kommunikationsrhythmus festlegen.
Aufgrund strenger Sicherheitsprotokolle zum Schutz des Präsidenten konnte Bush diesen Zeitplan nicht skrupulös einhalten. Trotz der unübersichtlichen Lage bewahrte er jedoch Handlungsfähigkeit und zeigte sofort Flagge.
Kontrolle schlägt Hühnerstall
Außergewöhnlich an Bushs erster Ansprache aus dem Klassenzimmer waren seine einleitenden Worte. Anstatt direkt über Terroristen, Flugzeuge oder Vergeltung zu sprechen, leitete er überraschend mit dem Tagesprogramm der Schule ein:
„Unfortunately, I will be going back to Washington after my remarks. Secretary Rod Paige and the Lt. Governor will take the podium and discuss education. I do want to thank the folks here at Booker Elementary School for their hospitality.“
G.W Bush, 11. September
Während draußen die Welt aus den Fugen geriet, verlor der Präsident kein Wort über Panik, sondern sprach über alltägliche Abläufe, bedankte sich bei seinen Gastgebern und übergab das Wort geordnet den Schulbesuch geordnet an seine Minister.
Sich in einem solchen historischen Schockmoment um den Zeitplan einer Grundschulklasse zu kümmern, mag bizarr wirken. Kein Lehrbuch empfiehlt eine Stundenplanänderung als Auftakt zur Krisenbewältigung. Doch genau diese Banalität entfaltete enorme Wirkung: Mitten im Chaos strahlte Bush Ruhe, Kontrolle und institutionelle Kontinuität aus. Wären er und sein Stab in Panik geraten, hätte sich das ganze Land anstecken lassen.
Gleichzeitig bewies Bush Empathie und Situationsbewusstsein: Er benutzte die Kinder und Lehrkräfte nicht als bloße Statisten, sondern verabschiedete sich anständig von ihnen. Es war das erste Anzeichen seiner Fähigkeit, Tonalität und Haltung exakt auf den Moment abzustimmen – eine Gabe, die er kurz darauf am Ground Zero erneut demonstrieren sollte. Bush zeigte in den ersten Minuten: Eine Tragödie hat stattgefunden, aber die Institutionen der Republik stehen felsenfest.
Leveling the Emotions
Am 14. September 2001 folgte Bushs prägendster Auftritt. Am Ground Zero, zwischen den rauchenden Trümmern der Twin Towers, griff er spontan zu einem Megafon, um zu den Einsatzkräften zu sprechen. Den Arm um einen Feuerwehrmann gelegt, ging seine Stimme im Lärm unter. Aus der Menge schallte es: „We can’t hear you!“
Bushs rhetorischer Konter ging in die US-Geschichte ein:
„I can hear you! The rest of the world hears you! And the people who knocked these buildings down will hear all of us soon!“
Mit diesen drei Sätzen vollzog Bush ein meisterhaftes emotional leveling:
- „I can hear you“: Ich verstehe eure Trauer, eure Wut und euer Leid – wir sind auf Augenhöhe.
- „The rest of the world hears you“: Amerika ist im Recht, die Welt steht an unserer Seite.
- „And the people who knocked these buildings down will hear all of us soon“: Die Verantwortlichen werden zur Rechenschaft gezogen.
Die Menge antwortete mit frenetischen „USA, USA“-Rufen. Bush war nie als mitreißender Rhetoriker bekannt; seine Versprecher – die sogenannten „Bushismen“ – füllten ganze Bücher. Doch in diesem Moment trugen ihn sein ausgeprägtes Situationsbewusstsein und seine ungespielte Empathie. Er traf exakt den emotionalen Ton der Nation.
Verzicht auf Sündenböcke
Viele Staatschefs neigen in Krisen dazu, schnelle Schuldige zu präsentieren und Ressentiments zu bedienen. Bush wählte den entgegengesetzten Weg: Er stellte sich demonstrativ vor die muslimische Gemeinschaft.
Bereits am 17. September besuchte er eine Moschee in Washington D.C. und zog eine scharfe Trennlinie zwischen dem Glauben und dem Terrorismus:
„The face of terror is not the true faith of Islam. That’s not what Islam is all about. Islam is peace.“
Bush ordnete US-Muslime explizit in sein narratives Einheitsversprechen ein („America counts millions of Muslims amongst its citizens“). Diese Haltung trug maßgeblich dazu bei, die Gesellschaft zu eimen und Racheakte im Inland einzudämmen – eine kommunikative und menschliche Leistung, die im Rückblick oft übersehen wird.
Pitch Perfect
Krisenkommunikation lebt von visueller Symbolik. Führungskräfte müssen Zuversicht und Entschlossenheit nicht nur verbal ausdrücken, sondern auch physisch verkörpern.
Am 30. Oktober 2001 sollte Bush beim World-Series-Spiel der New York Yankees den traditionellen Ceremonial First Pitch ausführen. Gehüllt in eine Jacke der New Yorker Feuerwehr und geschützt durch eine schussfeste Weste trat er im vollbesetzten Stadion auf das Feld.
Das Risiko war enorm: Ein missglückter, zu kurzer oder ungenauer Wurf vor den Augen von Millionen TV-Zuschauern wäre als Bild für ein geschwächtes Amerika interpretiert worden. Doch Bush warf den Ball zentimetergenau in den Handschuh des Catchers. Der perfekte Pitch wurde zu einem kraftvollen Symbol für amerikanische Stärke, Resilienz und die Rückkehr zur Normalität.

