Die Erfindung des „War on Terror“

5–8 Minuten

Am 11. September 2001 steuerten Al-Qaida-Terroristen entführte Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers. Die beiden Türme stürzten ein. Die Welt beobachte im Fernsehen, wie 3000 Menschen aus dem Leben gerissen wurden. George W. Bush lief an dem Tag zur Höchstleistung auf. Seine Krisenkommunikation kann nur als brilliant bezeichnet werden.

Aber in den Stunden und Tagen nach der Attacke wurden im Oval Office Entscheidungen gefällt, die das 21. Jahrhundert bis heute prägen. Während die Amerikaner noch trauerten, begann die Regierung damit, die sprachliche Grundlage für einen Krieg zu legen.

Der Linguist George Lakoff untersucht, wie politische Frames funktionieren: Sie bestimmen nicht nur, wie wir ein Ereignis beschreiben. Sie beeinflussen auch, welche politischen Handlungen innerhalb dieses Deutungsrahmens plötzlich logisch und notwendig scheinen. Genau das lässt sich nach 9/11 beobachten.

Vom Verbrechen zum Krieg

Am Tag der Anschläge beschrieb Bush die Täter zunächst noch als Verbrecher. Er sprach von einem «act of mass murder» und davon, die Verantwortlichen zu «hunt down and punish». Das ist die Sprache des Verbrechens. Verbrecher jagt man. Man nimmt sie fest. Man stellt sie vor Gericht. Man bestraft sie.

Man könnte sich als Reaktion auf einen Terroranschlag also beispielsweise vorstellen, dass Geheimdienste und Spezialeinheiten die Verantwortlichen aufspüren und festnehmen. Was man sich als Reaktion auf ein Verbrechen nicht vorstellen kann ist, dass hundertausene Soldaten ans andere Ende der Welt geschickt werden. Um diese Politik zu rechtfertigen braucht es einen Krieg.

Und genau dieser Frame entstand in den Tagen nach 9/11:
Der War on Terror.

Nur wenige Tage nach den Anschlägen veränderte sich die Sprache der Bush-Regierung. Aus einem Verbrechen wurde ein Krieg. Aus Tätern wurden Feinde. Aus Opfern wurden Kriegsverluste. Aus der Jagd nach Verbrechern wurde ein militärischer Feldzug. Warum ist das entscheidend?

Weil ein Krieg eine völlig andere Logik besitzt als ein Strafverfahren.
Ein Verbrechen hat Täter. Ein Krieg hat Feinde.
Ein Verbrechen hat einen Tatort. Ein Krieg hat ein Schlachtfeld.
Ein Verbrechen endet, wenn die Täter gefasst und bestraft sind. Ein Krieg endet erst, wenn er gewonnen ist.

Der Feind namens «Terror»

Doch gegen wen sollte dieser Krieg geführt werden?
Nicht gegen eine Stadt. Nicht gegen ein Land. Nicht einmal nur gegen eine konkrete Organisation.
Sondern gegen Terror.
Genau darin lag die politische Stärke des Frames.
Terror ist keine Person, kein Staat und kein klar abgegrenztes Territorium. Terror ist eine abstrakte Bedrohung. Man kann ihn bekämpfen, ohne von Anfang an eindeutig festlegen zu müssen, wo dieser Kampf endet.

Bush sagte am 20. September 2001 vor dem Kongress: «Our war on terror begins with al-Qaida, but it does not end there.»

Das war entscheidend. Der Krieg war nicht auf die Täter des 11. September beschränkt. Er konnte auf andere Organisationen, Staaten und politische Akteure ausgeweitet werden.
Damit entstand eine bemerkenswerte politische Logik: 9/11 war ein konkretes Verbrechen. Der War on Terror machte daraus einen abstrakten, globalen und zeitlich unbegrenzten Krieg. Und genau dadurch konnte sich auch die Zahl der möglichen «Kriegsnotwendigkeiten» immer weiter vergrössern.

Enemiers of Freedom

Am 20. September hielt Bush seine Rede vor dem Kongress. Er sprach nun ausdrücklich von einem «act of war». Die Terroristen bezeichnete er als «enemies of freedom». Die USA befänden sich in einem Krieg, den sie gewinnen würden.

Bush verglich die Anschläge ausserdem mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor.
Der Vergleich war historisch nicht identisch – aber kommunikativ äusserst wirkungsvoll. Pearl Harbor war der klassische amerikanische Präzedenzfall für einen aufgezwungenen Krieg: Ein äusserer Feind hatte Amerika angegriffen, und Amerika musste zurückschlagen. Bush stellte 9/11 nun in denselben Deutungsrahmen.

Afghanistan wurde dabei zum ersten Schlachtfeld. Die Taliban gewährten Osama bin Laden und al-Qaida Unterschlupf. Neun Tage nach 9/11 war damit der entscheidende Frame gesetzt: Amerika befand sich im Krieg.

Und bald wurde aus dem Frame Realität. Am 7. Oktober 2001 begannen die USA und ihre Verbündeten mit Luftangriffen auf Afghanistan. Bodentruppen folgten.

Alles ist Krieg

Der entscheidende Vorteil des Frames «War on Terror» bestand darin, dass er weit über die unmittelbare militärische Reaktion hinausreichte. Wenn sich ein Land im Krieg befindet, werden Massnahmen möglich, die unter normalen Umständen schwerer zu rechtfertigen wären.

Unter anderem:

Der USA PATRIOT Act weitete die Macht der Geheimdienste massiv aus. Die Privatssphäre wurde stark beschnitten.
In Gefangenlager wie Guantánamo wurden hunderte Terrorverdächtige festgehalten. Viele wurden nie von einem Gericht verurteilt und trotzdem weiter festgehalten. Es kam auch zu Folter an den Gefangenen.
Die USA erhöhten ihre Militärausgaben massiv und dauerhaft.
Der Irak hatte mit den Anschlägen vom 11. September nichts zu tun. Trotzdem wurde Saddam Hussein zunehmend in denselben Sicherheits- und Terrorismusrahmen eingeordnet. 2003 marschierten die USA ein.

Der War on Terror hatte einen entscheidenden kommunikativen Vorteil: Er definierte keinen einzelnen Feind, sondern eine Bedrohung. Und eine Bedrohung kann überall sein.

Ein Krieg ohne Ende?

Das ist der vielleicht folgenreichste Aspekt des Frames.
Wenn der Feind eine konkrete Armee ist, kann man sie besiegen.
Wenn der Feind ein Staat ist, kann man sie zu einem Friedensvertrag zwingen.
Wenn der Feind eine Organisation ist, kann man ihre Führung zerschlagen.
Aber wie besiegt man Terror?
Wann ist Terror besiegt?
Wo endet der Krieg gegen ihn?
Wer entscheidet, welcher Staat, welche Organisation oder welche Person Teil dieser Bedrohung ist?

Der Frame «War on Terror» gab darauf keine klare Antwort.
Und genau darin lag seine politische Macht. Er schuf einen Krieg, der keine geografische Grenzen hatte und dessen zeitliches Ende ebenfalls nicht definiert war. Afghanistan konnte zum Schlachtfeld werden. Der Irak konnte zum Schlachtfeld werden.
Geheimdienstüberwachung konnte zur Kriegsnotwendigkeit werden.
Und immer konnte dieselbe Begründung dahinterstehen:
«Wir befinden uns im Krieg gegen den Terror.»

Der Preis des Frames

Dieser Krieg war nicht nur eine Metapher.

Die post-9/11-Kriege kosteten die USA laut dem Costs-of-War-Projekt der Brown University mehr als acht Billionen Dollar. (Für dieses Geld könnte man ungefähr 600 moderne Flugzeugträger kaufen). Hunderttausende Menschen starben direkt durch die Kriege; rechnet man indirekte Folgen hinzu, liegt die Zahl der Todesopfer im 7-stelligen Bereich.

Und der Terror wurde nicht besiegt.

Im Gegenteil: Die Kriege und die Destabilisierung ganzer Regionen trugen zur Entstehung neuer terroristischer Bewegungen bei. Aus dem Krieg gegen al-Qaida wurde ein jahrzehntelanger Krieg gegen immer neue Gegner.

Der 11. September war ein reales Verbrechen. Die Bedrohung durch jihadistischen Terror war real und erforderte eine Reaktion.

Doch zwischen einem Verbrechen und einem Krieg liegt ein Unterschied.

Ein tragischer Patriot

George W. Bush wurde von den Anschlägen am 9/11 sichtbar mitgenommen. Seine Trauer, sein Unverständnis und seine Wut waren spürbar. Auch deshalb war seine Krisenkommunikation so glaubwürdig und effektiv. Er vereinte das Land. Und ein grosser Erfolg wird heute oft vergessen: Bush stellte sich sofort schützend vor die Mehrheit der friedlichen Muslime in Amerika. Er schürte keinen Hass (wie es andere Politiker tun würden), sondern rief zu Toleranz auf. Der Anteil der Amerikaner mit einer positiven Meinung über Muslime stieg in dieser Zeit von 45 auf 59 Prozent.

Aber gewisse Parteistrategen sahen allen Anschein nach in den Anschlägen aber auch eine Möglichkeit, politische Projekte umzusetzen, die ansonsten nie möglich gewesen wären.

Tragischerweise gehört auch die manipulative Kommunikation aus diesen Wochen zum Professionellsten, was Spindoktoren je geschaffen haben. Sie waren mit ihrem «War on Terror»-Frame so erfolgreich, dass sie das Land widerspruchslos in eine moralische, politische und finanzielle Katastrophe führen konnten. Langfristig hat diese Art der Kommunikation das Vertrauen in die Politik erschüttert, weil auch gute Kommunikation nicht ewig von schlechter Politik ablenken kann.

Bushs grossartige Leistungen am 11. September finden heute jedoch zu selten Beachtung. Wäre seine Politik nicht auf ganzer Linie gescheitert, würde man seine Krisenkommunikation heute vermutlich als Best Practice behandeln. Zeitweise stiegen seine Beliebtsheitswerte auf 90 Prozent, quasi ganz Amerika vertraute dem Republikaner.

«Today, our nation saw evil — the very worst of human nature. And we responded with the best of America», sagte Bush am 11. September. Selbst im Moment des Schocks schaffte er es, den Menschen Zuversicht zu vermitteln. Er vermittelte Stolz darauf, Amerikaner zu sein, und Stolz auf die Feuerwehrleute und die freiwilligen Helfer. Er verhinderte Hass auf Muslime. Er vereinte das Land.

Nur um es anschliessend geeint in Kriege zu führen.

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Fabian Ab Yberg
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