Ab Yberg: Eine Schwyzer Geschichte
Meine Familie hat Landammänner, Soldaten, Politiker, Ketzer und einen schwarzen Hund hervorgebracht. Manche waren erfolgreich. Andere eher nicht. Eine kleine Familiengeschichte in wenigen Episoden.

Die Konrads, Morgarten und der Rütlischwur
Ein Konrad Ab Yberg war 1291 der erste überlieferte Landammann von Schwyz. Sollte der legendäre Rütlischwur tatsächlich im Jahr 1291 stattgefunden haben, wäre es naheliegend, in ihm eine der führenden Persönlichkeiten der damaligen Schwyzer Eidgenossen zu vermuten. In Friedrich Schillers Wilhelm Tell wird Konrad Ab Yberg als Vater der Stauffacherin erwähnt.
Ein Anderer Konrad wird im Einsiedler Klagerodel von 1311 namentlich als einer der Hauptverantwortlichen für die Überfälle auf das Kloster Einsiedeln im Jahr 1308 genannt. Diese Auseinandersetzungen mit dem Kloster bildeten einen wichtigen Teil des Konflikts, der wenige Jahre später in der Schlacht am Morgarten gipfelte.
Vielleicht die Stauffacherin
In Schillers Wilhelm Tell wird die Stauffacherin als Tochter des „edlen Iberg“ vorgestellt. Eine Heiratsverbindung zwischen den Stauffachern und den Ab Yberg wäre durchaus naheliegend gewesen. In den erhaltenen Familienarchiven finden sich jedoch keine Belege dafür, dass die Stauffacherin tatsächlich eine Tochter Konrads Ab Yberg war. Möglicherweise griff Schiller damit eine bereits bestehende Überlieferung auf oder schuf eine naheliegende, historisch jedoch nicht belegte Verbindung zwischen den beiden Geschlechtern.
Söhne St. Jakobs
1484 von 1500 Eidgenossen starben bei St. Jakob an der Birs. Doch bevor sie untergingen, richteten sie unter den rund 20’000 Franzosen ein derartiges Blutbad an, dass sich die königliche Armee schliesslich aus der Schweiz zurückzog.
Unter den gefallenen Eidgenossen waren auch Werner, Sohn des Ulrich, und Johannes II., Sohn des Johannes I. – beide Ab Yberg.
Ein Arzt auf Abwegen
Nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat sich Fridolin Ab Yberg. Aber gut möglich, dass man diesem Freidenker damit Unrecht getan hat.
Fridolin war Arzt und ein sogenannter Wiedertäufer. Er war also der Überzeugung, dass die Taufe nur dann ihren Wert hat, wenn sie aus freiem Willen erfolgt – so, wie es auch Jesus selbst getan hatte. Im 16. Jahrhundert war diese Ansicht allerdings schlimmste Ketzerei.
Aus dem katholischen Schwyz wurde Fridolin verjagt. In Zürich legte man ihn in Ketten und sperrte ihn in den Hexenturm. Zusammen mit anderen inhaftierten Täufern gelang ihm 1526 die spektakuläre Flucht.
Sein Sohn Johannes schlug anschliessend einen ganz anderen Weg ein und reihte sich wieder nahtlos ins Schwyzer Patriziat ein.
Der Chevalier
Die Zeiten der Koalitionskriege waren eher eine ungemütliche Angelegenheit – ausser man war Karriereoffizier. Dann konnte es ganz angenehm sein.
Ein solcher war Joseph Plazit Ab Yberg. Früh wurde er in den Freiherrenstand des Königreichs Sardinien-Piemont erhoben. Danach trat er in französische Dienste ein – was sich als ziemlich sicherer Karriereweg erwies, schliesslich mangelte es nicht an Kriegen.
Er beteiligte sich an den französischen Feldzügen nach Italien und Neapel und sammelte dafür ordentlich «Chest Candy»: Unter anderem wurde er Ritter der französischen Ehrenlegion. In Neapel fand er nebenbei auch gleich seine Frau, Maria Teresa Barcas.
Schliesslich brachte er es zum Kommandanten der Schweizer Halbbrigade in Holland.
Theodor AB Yberg und der Sonderbundskrieg
«Hört es, freie Männer von Schwyz, hört es, ihr biederen Enkel Stauffachers, hört es alle Eidgenossen, deren Brunst für Recht und Gerechtigkeit, für Sicherheit und Unabhängigkeit, für Religion und Vaterland noch schlägt. Hört es alle: Ein Ungeheuer wütet in den Eingeweiden unseres Vaterlandes. Die Hüter des Unglaubens, der Lüge, der Verfolgung, des Hasses, des gewaltsamen Druckes durchwühlen den freien Boden.»
Theodor Ab Yberg war ein grandioser Populist. Mit solchen Worten führte er den Kanton Schwyz in den Sonderbundskrieg. Nach der Niederlage wurde es still um ihn. Zwar kehrte er nach drei Jahren aus dem österreichischen Exil zurück, doch seine alte Bedeutung als redegewandter Volkstribun erlangte er nicht wieder.
Trotz – vielleicht auch wegen – seines Scheiterns in letzter Instanz bleibt Graf Theodor wohl der bedeutendste Ab Yberg.
Der verwirrte Krieger
Josef war der ältere Bruder des deutlich bekannteren Theodor Ab Yberg. Eigentlich hätte er in die Politik eintreten sollen. Doch es gab wohl kaum etwas, das ihn weniger interessierte. Josef war Soldat durch und durch.
Wobei es scheinbar keine grosse Rolle spielte, für wen er eigentlich kämpfte. Für seine Verdienste in spanischen Diensten wurde er mit dem St.-Herminigild-Orden ausgezeichnet. Nach Napoleon diente er dann mehrere Jahrzehnte den Franzosen – auch dort wurde er mit diversen Orden behängt.
Eine politische Stellung lehnte er sein ganzes Leben vehement ab. Nur für den Sonderbundskrieg unterbrach er seinen Lebensabend, um noch einmal als Kommandant des Landsturms in den Kampf zu ziehen.
Nur ein Jahr später verliess er im Zustand geistiger Umnachtung sein Haus. Danach wurde er nie wieder gesehen.
Dumm und hübsch
Dreimal fiel Theodor Caspar IX. Ab Yberg durch die Aufnahmeprüfung des Gymnasiums. Was ihm vielleicht an Intellekt fehlte, machte er mit gutem Aussehen – er gilt bis heute als der hübscheste der Familie – und Wagemut wieder wett.
Seine militärische Laufbahn begann im Ulanenregiment Fürst Schwarzenberg in österreichischen Diensten. Später wurde er Hauptmann 2. Klasse im päpstlichen Fremdenregiment und dafür mit dem Orden des Heiligen Gregor des Grossen ausgezeichnet.
1859 fiel er bei der Einnahme von Perugia. Seine Offiziere liessen ihm dort ein Denkmal errichten.
Die Vergessenen Ab Ybergs
Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass in meiner Liste bislang fast keine Frauen vorkommen. Die damaligen Verhältnisse machten es Frauen nahezu unmöglich, militärische oder politische Grosstaten zu vollbringen. Doch nur weil in Chroniken und Geschichtsbüchern wenig über sie steht, heisst das nicht, dass es sie nicht gab.
Es gab die Ab-Yberg-Frauen: Mütter, Ehefrauen und Töchter.
Meine Grossmutter, geborene Steiner, war nicht nur Mutter und Ehefrau, sondern auch Privatsekretärin (erzwungenermassen und unbezahlt) meines Grossvaters, des Regierungsrates Alois Ab Yberg. Ohne sie und ihr Organisationstalent hätte dieser, ein chaotisches Genie, seine erstaunliche politische Karriere wohl kaum in dieser Form machen können.
Und ich gehe davon aus, dass auch viele Frauen vor ihr im Hintergrund gewirkt haben. Frauen, die für ihre Familien, für Schwyz und vielleicht auch für die Schweiz erstaunliches geleistet haben, ohne dass die Geschichte ihnen dafür je den Respekt entgegenbringen wird, den sie verdienen.









