Nächtlicher Besuch aus Russland

Andrej schreckte aus dem Schlaf auf. Hatte es geklingelt?

Benommen tastete er über den Nachttisch, bis er den Wecker zu fassen bekam. Verschwommen erkannte er die Anzeige: 4:30 Uhr. Er hielt den Atem an und horchte in die Dunkelheit.

Da – erneut schrillte die Türklingel. Tatsächlich.

«Verdammt, es ist Samstagnacht!», fluchte er, richtete sich auf und schlüpfte in seine Pantoffeln. Mit müden Schritten tappte er durch das dunkle Schlafzimmer und tastete nach dem Lichtschalter.

«Diesen Rotzbengeln werde ich die Meinung geigen», knurrte er und trat auf die erste Treppenstufe.

Lohnte es sich überhaupt, runterzugehen? Die waren doch längst über alle Berge, überlegte er auf der zweiten Stufe.

Waren es überhaupt Rotzbengel?, fragte er sich auf der dritten.

Wer denn sonst?, hielt er auf der vierten dagegen.

Vielleicht der Milchmann? Oder der Briefträger?, redete er sich auf der fünften Stufe ein.

Nein, so früh kam niemand, verwarf er den Gedanken auf der sechsten.

Bei Opa hatte es damals auch mitten in der Nacht geklingelt. Danach hatte ihn nie wieder jemand gesehen.

Andrej verharrte.

Für einen Moment rührte er sich nicht. Die Hand am Geländer, den Blick auf die dunklen Stufen gerichtet, lauschte er in die Stille.

War es wegen des Artikels, den er damals über Maxim Maximowitsch Salopin geschrieben hatte? Die Frage schoss ihm durch den Kopf, und mit ihr die Angst.

Er war doch schon lange nicht mehr in Russland. Hier konnten sie ihm nichts, versuchte er sich einzureden.

Doch. Letztens erst hatten sie in Deutschland einen Dissidenten ermordet.

Vorsichtig setzte Andrej einen Fuss auf die nächste Stufe. Dann den anderen. Langsam tastete er sich weiter nach unten, eine Hand fest um das Geländer geschlossen. Bei jedem Knarren hielt er inne und lauschte.

Schliesslich erreichte er den Fuss der Treppe. Mit klopfendem Herzen trat er an die Haustür und spähte durch den Spion.

Draussen war niemand zu sehen.

Einen Moment lang überlegte er, einfach umzukehren und wieder ins Bett zu gehen. Doch die Ungewissheit liess ihm keine Ruhe. Er entriegelte die Tür und zog sie einen Spaltbreit auf.

Stockfinstere Nacht. Ein kühler Windstoss strich ihm um die Knöchel. Alles war still. Nur der Busch an der Einfahrt raschelte leise im Wind.

Plötzlich sprang eine dunkle Gestalt aus dem Schatten.

«Guten Morgen!», rief eine Stimme.

Ein lautes Lachen folgte. Im selben Augenblick rannten drei Silhouetten kichernd die Strasse hinunter.

Andrej atmete tief aus. Die Anspannung fiel von ihm ab.

«Rotzbengel … Gott sei Dank.»

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Fabian Ab Yberg
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