Ein Mann im gegenüberliegenden Abteil

In Bühlstetten stieg ein Mann zu und setzte sich ins gegenüberliegende Viererabteil. Ich schielte kurz hinüber. Die langen, vollen, goldblonden Locken passten so gar nicht zu seinem faltigen, kunstgebräunten Gesicht. Amüsiert fragte ich mich, wie viel er wohl monatlich für den Coiffeur ausgab.

Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Mein Blick wanderte zurück ans Fenster. Ich sah, wie wir den Bahnhof verliessen und unsere Fahrt durch die Schweizer Voralpen fortsetzten. Lächelnd beobachtete ich die Berge und Seen, die an mir vorbeizogen. Täglich genoss ich dieses Panorama aufs Neue. Ich kannte die Strecke gut und hatte mich deshalb wie immer auf die Zugseite gesetzt, die einen besonders beeindruckenden Ausblick bot. Dem Mann gegenüber blieb dagegen nur der Blick auf den Berghang. Eigentlich wollte ich ihn darauf aufmerksam machen, doch als ich mich ihm zuwandte, sah ich, dass er in sein Mobiltelefon vertieft war. Also liess ich davon ab und blickte wieder aus dem Fenster.

Gerade fuhren wir an einem weitläufigen Feld vorbei, auf dem Hochlandrinder grasten. Auf Höhe der Tellspitze, meinem Lieblingsberg, begann der Mann zu telefonieren. Laut. Ich liess mir nichts anmerken und hoffte, dass er bald erledigt haben würde, was offenbar keinen Aufschub duldete. Ich versuchte, mich auf den Berg zu konzentrieren, dessen Spitze trotz des Frühlings noch immer von Schnee bedeckt war.

«FICKEN!», blökte es plötzlich aus dem gegenüberliegenden Abteil. «Ficken sollte sie jemand. Dann wäre sie nicht mehr so verkrampft», schmetterte der Mann mit tiefer, kratzender Stimme hinterher.

Ich presste die Zähne aufeinander, während er seine Tirade fortsetzte. Soweit ich verstehen konnte, schoss er vor allem gegen eine «verkrampfte» Richterin, die ihn natürlich völlig zu Unrecht verurteilt hatte.

Ich hatte genug. Ich wandte mich dem Mann zu und schaute ihn vorwurfsvoll an. Er bemerkte mich nicht sofort.

«Warte kurz», sagte er ins Telefon und nahm es vom Ohr.

«Was ist?», zischte er.

«Könnten Sie etwas leiser telefonieren? Oder noch besser: Warten Sie, bis Sie zu Hause sind. Es sind schliesslich noch andere Leute im Zug.»

Der Mann erwiderte nichts. Stattdessen streifte er sich Schuhe UND Socken ab und legte seine Füsse auf die Sitzbank. Während er dieses Prozedere vollzog, wandte er seinen wütenden Blick keine Sekunde von mir ab. Dann führte er das Telefon wieder ans Ohr und setzte seine Schimpftirade fort.

Verdutzt schaute ich ihn an. Schliesslich stand ich auf, packte meine Jacke und flüchtete in den nächsten Wagen.

Zum Glück war dieser nicht allzu voll, und ich fand ein freies Abteil auf der guten Zugseite. Ich machte es mir bequem. Der Zug fuhr gerade über das Waldstadtviadukt. Unter mir strömte das Wasser durch die Schlucht. Ich war tief beeindruckt.

Dann hörte ich, wie sich die Wagentür öffnete. Zu meinem Entsetzen war es der Mann von vorhin. Noch immer telefonierend, pflanzte er sich ins gegenüberliegende Abteil, liess seinen Hintern bis an die Stuhlkante rutschen und legte seine immer noch nackten Füsse auf die Sitzbank. Dann steckte er sich eine Zigarette in den Rachen, zündete sie an und blies den Rauch genüsslich in meine Richtung.

«Reg dich nicht wieder auf. Ich gehe bald wieder in den Wagen mit der frischen Luft. Aber zuerst will ich hier bei dir eine rauchen.»

Mir fiel nichts anderes ein, als zu sagen: «Im ganzen Zug herrscht striktes Rauchverbot.»

Doch der Mann beachtete mich nicht weiter. Stattdessen fluchte er über seinen unfähigen ersten Anwalt, dann über seinen unfähigen zweiten und schliesslich über seinen unfähigen dritten.

«Keinen roten Rappen sehen die von mir. Im Gegenteil, ich werde sie verklagen. Die haben meinen Fall absichtlich verloren.»

Gelegentlich zog er an der Zigarette.

Ich versuchte, aus dem Fenster zu schauen. Doch in der Scheibe spiegelte sich der Mann im gegenüberliegenden Abteil. Also starrte ich einfach geradeaus auf den Sitz vor mir. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte einen Faustschlag verpasst

«Vetternwirtschaft! Die Richterin ist mit dem Bürgermeister befreundet, das weiss ich. Und letztens habe ich in der Beiz gesagt, dass die Tochter des Bürgermeisters eine hässliche Sau ist. Darum wollte er mir jetzt eins auswischen.»

Er zündete sich eine weitere Zigarette an.

«Dass ich einmal, EINMAL, innerorts etwas zu schnell unterwegs war, haben sie dann als Vorwand genommen.»

Ich starrte auf die Sitze und biss die Zähne beinahe zusammen.

«Dreitausend Stutz Busse. Ich habe der Richterin gesagt, sie könne sich davon ein Arschimplantat machen lassen. Gab nochmals fünfhundert Stutz obendrauf.»

Ich begann, die Fäuste zu ballen.

«Nein, nein, das Geld ist mir scheissegal. Aber sie haben mir auch den Lappen abgenommen. Jetzt muss ich Zug fahren. Mit all den Schwuchteln, die gerne aus dem Fenster starren.»

Er drehte seinen Arsch in meine Richtung und liess einen lauten Furz fahren.

Genug.

Ich stand auf und rammte ihm meine Faust in seine ledrige Fresse.

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Fabian Ab Yberg
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