Am 6. September kommt es in Sachsen-Anhalt zum Showdown: zwischen dem amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze und Ulrich Siegmund, dem «gefährlichsten Mann Deutschlands».
Sicher ist schon jetzt: Die AfD dürfte einen klaren Wahlerfolg einfahren. Doch wird sie die absolute Mehrheit erreichen und damit erstmals einen Ministerpräsidenten stellen? Oder gelingt der CDU ein Schlussspurt, um auf den letzten Metern zumindest noch eine totale Niederlage zu verhindern?
Egal, wie die Wahl am Ende ausgeht – dieser Wahlkampf ist historisch. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Welche Frames und Bassisnarrative verwenden die beiden Parteien? Und welches Bild von Sachsen-Anhalt und seiner Zukunft vermitteln sie?
Der «Forward to the Past»-Wahlkampf
Ulrich Siegmund tritt sympathisch, dynamisch und optimistisch auf. Das macht einen Teil seines Charismas aus. Und die AfD spielt diese Stärke voll aus. «Alles ist möglich» lautet der Wahlslogan der Partei. Die Parallelen zu Barack Obamas «Yes we can» sind kaum zu übersehen.
Dieser Teil der Kampagne ist – wie damals bei Obama – zukunftsgerichtet, optimistisch und von grosser Lust auf Veränderung geprägt. Es ist die Kampagne eines Herausforderers, eines Davids, der gegen die etablierte Ordnung, Goliath, antritt und sagt: Es muss sich etwas verändern.
Doch Siegmund spricht nicht von derselben Zukunft wie der progressive Obama. Seine Vorstellung von Veränderung ist eine andere. Siegmund will vorwärtsgehen, um gesellschaftliche Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte teilweise wieder rückgängig zu machen. Der inhaltliche Kern der AfD ist eine Erzählung über die Rückkehr ins gelobte Land.

Die Kampagne verbindet damit zwei scheinbar gegensätzliche Botschaften: Die Form ist zukunftsgerichtet, das Ziel rückwärtsgewandt.
Auf ihrer Website schreibt die AfD: «für ein Sachsen-Anhalt, das seine Identität bewahrt und mutig in die Zukunft geht». «Bewahren» und «mutig in die Zukunft gehen» könnten auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen. In diesem Zusammenhang sind sie es jedoch Fortschritt wird versprochen, um eine vermeintlich verlorene Ordnung (Basisnarrativ des verlorenen Paradieses) wiederherzustellen. Man könnte deshalb von einem «Forward to the Past»-Wahlkampf sprechen. Oder, um den Soziologen Zygmunt Bauman zu zitieren, von einer Retrotopie.

Unterstrichen wird das auch durch die Bildsprache. Eine in Nebel gehüllte, vom Morgenrot eingefärbte Landschaft bildet ein zentrales Motiv der Kampagne. Das Bild verbreitet Aufbruchsstimmung und wirkt gleichzeitig entschleunigend. Die romantisierte Natur steht als Gegenentwurf zur urbanen Hochgeschwindigkeitsmoderne, die von vielen AfD-Wählern abgelehnt wird.
Das Motiv erinnert damit stark an die Landschaftsmalerei des deutschen Künstlers Caspar David Friedrich (1774–1840), dessen Bildsprache von der AfD immer wieder aufgegriffen wird.
Genau die Verbindung zwischen Zukunfsoptimismus und Nostalgie macht den Wahlkampf der AfD meiner Meinung nach so stark. Er spricht gleichzeitig zwei unterschiedliche Bedürfnisse an: den Wunsch nach Veränderung und die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten.
«Es gibt keine Alternative für Sachsen-Anhalt»
«Sachsen-Anhalt stärker machen. Nur mit uns.» Der Hauptslogan der CDU ist schneller analysiert.
Der erste Teil lautet: «Sachsen-Anhalt stärker machen». Man könnte nun lange darüber diskutieren, weshalb die CDU von «stärker» und nicht von «stark» spricht. Aber ehrlich gesagt ist mir das zu langweilig. Für mich ist der erste Teil vor allem eines: eine klassische nichtssagende Universalformel. Wer will schliesslich nicht, dass sein Bundesland stärker wird?
Die eigentliche Kernbotschaft steckt im zweiten Teil: «Nur mit uns.»
Die CDU positioniert sich damit als erfahrene Regierungspartei. Sie steht für Stabilität, Verantwortung und Verlässlichkeit. Dahinter steckt ein klassisches CDU-Framing: Der eigene Führungsanspruch wird als Voraussetzung für eine stabile Regierung dargestellt.
Die Botschaft lautet sinngemäss: Es gibt viele Möglichkeiten, seine Unzufriedenheit auszudrücken. Aber wenn du willst, dass das Land verlässlich regiert wird, gibt es nur eine vernünftige Wahl: uns.
Experiment versus Filz
Beide Parteien beschränken sich nicht darauf zu sagen, was an ihnen selbst gut ist. Sie erklären auch, was am politischen Gegner schlecht ist – und stellen sich anschliessend als dessen positives Gegenbild dar.
Das nennt man Kontrast-Framing. Eine Erklärung findest du in der Infobox oben.
Eine Alternative gegen den «Altparteienfilz»
Das Kontrast-Framing der AfD lässt sich etwa so zusammenfassen: eine frische Alternative zu den verfilzten Altparteien.
Besonders das Wort «Altparteien» gehört zum festen Vokabular der AfD. In ihrem Regierungsprogramm kommt der Wortstamm «Altpartei» ganze 68-mal vor. Wenn die AfD erklärt, was sie verändern will, beginnt sie häufig damit, aufzuzählen, was die «Altparteien» ihrer Meinung nach alles falsch gemacht haben.
Die Logik dahinter ist einfach: Wenn die anderen für Stillstand und Niedergang stehen, wird die AfD automatisch zur Alternative.
«Keine Experimente»

Die CDU wiederum zeichnet die AfD als Partei der Motzer, Schreihälse und Grossmäuler. Dem stellt sie sich selbst als regierungserfahrene und pragmatische Verwaltungspartei gegenüber.
Um diesen Kontrast zu verdeutlichen, schickt die CDU sogar ihr ältestes Schlachtross in den Wahlkampf. Nein, nicht Dieter Hallervorden: Konrad Adenauer.
Der längst verstorbene Bundeskanzler feierte 1957 mit dem Slogan «Keine Experimente» einen seiner grössten Wahlerfolge. Sven Schulze hat den Klassiker nun für sich reaktiviert.
Ich persönlich bin skeptisch, ob das funktioniert.
Das Original fiel in die Zeit des Wirtschaftswunders. Die Wirtschaft boomte, der Lebensstandard stieg und die politische Lage erschien vielen Menschen vergleichsweise stabil. In dieser Situation konnte «Keine Experimente» eine starke Botschaft sein: Gefährde nicht, was funktioniert.
2026 ist die Ausgangslage eine andere. Wirtschaftliche Probleme, Energiepreise, Verteidigung, hohe Schulden und andere Krisen erzeugen bei vielen Menschen das Gefühl, dass sich etwas ändern muss.
Wenn der Status quo nicht mehr als sicher und erfolgreich wahrgenommen wird, verliert auch der Ruf nach «keinen Experimenten» an Überzeugungskraft. Im Gegenteil: Dann kann gerade das «Experiment» attraktiv werden, das eine Trendwende verspricht.
Die AfD verwendet dafür den passenden Gegenframe: «Den Wechsel wählen.»
Die CDU-Kontrastkampagne hat meiner Meinung nach deshalb nicht das Potenzial, grosse Bevölkerungsgruppen für sich zu gewinnen. Aber das muss auch nicht ihr Ziel sein.
Sie richtet sich vor allem an die in der Regel gut situierte CDU-Wählerschaft, die Stabilität schätzt, Risiken vermeiden will und sich von einem Regierungswechsel eher verunsichert fühlen. Ihnen soll die AfD als unberechenbares Experiment erscheinen.
In den eigenen Reihen dürfte Adenauer dabei durchaus noch wirken, um zu mobilisieren. Darüber hinaus wird es schwieriger.

Stabilität gegen Veränderung
Der Kampf zwischen diesen Frames ist keineswegs neu. In Wahlkämpfen begegnet uns immer wieder ein ähnlicher Gegensatz:
Die Regierungspartei verspricht Stabilität. Die Herausforderer versprechen Veränderung.
Die Logik dahinter ist verständlich. Wer regiert, kann auf das Erreichte verweisen und sagen: «Wir wissen, wie es geht.» Wer in der Opposition ist, hat dagegen einen strukturellen Vorteil: Er kann versprechen, dass es anders werden soll.
Die AfD nutzt diesen Vorteil meiner Meinung nach bislang sehr konsequent. Ihr Wahlkampf ist in seinen unterschiedlichen Elementen erstaunlich kohärent: Veränderung, Aufbruch, Identität und die Rückkehr zu einer vermeintlich besseren Ordnung greifen ineinander.
Die CDU wirkt dagegen mutlos.
Und das ist schade. Denn Sven Schulze wirkt auf mich persönlich durchaus positiv: sympathisch, Hemdsärmlig, optimistisch und als pragmatischer Anpacker.
Genau diese Eigenschaften könnten eine starke Wahlkampfbotschaft ergeben. Und das wird ja auch durchaus probiert. Aber nach meinem Empfinden nicht mit dem nötigen Selbstbewusstsein. Stattdessen reduziert die CDU ihren Kandidaten weitgehend auf das, was er nicht ist: nicht die AfD.
Damit verschenkt sie eine Chance.
Denn zwischen «Wir sind nicht die AfD» und «Wir sind die Zukunft von Sachsen-Anhalt» liegt ein grosser kommunikativer Unterschied. Die AfD verspricht Hoffnung auf Veränderung. Sie verwendet eine Vielzahl an Basisnarrativen, David gegen Goliath, das verlorene Paradies, Rückkehr ins gelobte Land. Bei der CDU erkenne ich eigenltich gar keine Grundnarration, keine grosse Erzählung. Stattdessen wird einfach jede Abweichung vom Status Quo als Risiko geframed.

