Reziprozität. Die Macht des Blaubeerrisotto

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Zwei Puppenspieler halten je Eine Puppe. Die Beiden Puppen geben sich die Hände. Eine minimalistische Illustration des Reziprozitätseffektes.

Als ich Präsident der Jungfreisinnigen war, versendeten wir jedes Jahr denselben Spendenbrief an dieselbe Kontaktliste. Der Rücklauf war in Ordnung, aber nicht überragend. Dann legten wir jedem Brief ein Rezept für Blaubeerrisotto bei – und der Ertrag pro Brief verdreifachte sich. Warum spendeten unsere Gönner plötzlich deutlich mehr, nachdem sie eine kleine Aufmerksamkeit erhalten hatten?

Die Antwort lautet: Reziprozität.

Die Reziprozitätsregel besagt, dass wir uns verpflichtet fühlen, etwas zurückzugeben, wenn uns jemand etwas gibt. Dabei muss es nicht immer ein Blaubeerrisotto sein. Im Restaurant gibt es einen Gruss aus der Küche, im Süssigkeitenladen ein Stück Schokolade. Der US-amerikanische Veteranenverband legte seinen Spendenbriefen personalisierte Namensetiketten bei. Zuvor spendeten 18 Prozent der Empfänger – mit Namensetiketten waren es 35 Prozent (Cialdini, 2001).

Reziprozität gehört zu den grundlegenden sozialen Regeln des Zusammenlebens. Wir begegnen ihr jeden Tag, ohne bewusst darüber nachzudenken.

Wer Reziprozität gezielt einsetzen möchte, muss im Grunde zwei Entscheidungen treffen: Was gebe ich meinem Gegenüber – und was wünsche ich mir im Gegenzug?

Bei den Jungfreisinnigen war die Antwort auf die erste Frage ein Blaubeerrisotto-Rezept. Die Druckkosten waren ungefähr 4 Franken. Die Antwort auf die zweite Frage stand im Spendenbrief: Wir hofften auf einen Beitrag an unsere Parteikasse.

Wann funktioniert Reziprozität – wann nicht?

Reziprozität ist allerdings kein Selbstläufer. Wer etwas gibt, geht immer ein gewisses Risiko ein. Verschickt man beispielsweise ein Blaubeerrisotto-Rezept, entstehen bereits Kosten, bevor überhaupt klar ist, ob der Empfänger spendet.

Noch problematischer: Die Aufmerksamkeit kann als aufdringlich oder manipulativ wahrgenommen werden. Dann kann der gewünschte Effekt sogar ins Gegenteil umschlagen und dem eigenen Image schaden.

Robert Cialdini, der «Godzilla» der Überzeugungsstrategien, beschreibt drei Faktoren, die reziproke Gesten besonders wirksam machen.

Personalisiert: Ehrliches Interesse an Menschen

Besonders gut funktionieren reziproke Gesten, wenn sie ein tatsächliches Bedürfnis erfüllen. Wer hungrig ins Restaurant geht, freut sich über einen Gruss aus der Küche. Wer eine neue Sprache lernen möchte, freut sich über ein kostenloses Probeabo bei Duolingo. Und wer einen Süssigkeitenladen betritt, hat vermutlich nichts gegen ein Stück Schokolade. Der entscheidende Punkt: Die Gabe muss ein Bedürfnis erfüllen.

Bedeutend: Eine echte gute Tat

Das Geschenk muss einen spürbaren Wert haben. Cialdini beschreibt das mit einem Experiment von Strohmetz et al. (2002): Gab eine Kellnerin ihren Gästen nach dem Essen ein Stück Schokolade, stieg das Trinkgeld um 3,3 Prozent. Sagte sie anschliessend noch: «Nehmen Sie sich ruhig noch ein zweites Stück», und hielt den Gästen ihr Schokoladenkörbchen hin, stieg das Trinkgeld um 14 Prozent. Ein zweites Stück veränderte die Wahrnehmung der Geste massiv. Nicht der Preis einer Aufmerksamkeit entscheidet über ihren Wert, sondern ihre wahrgenommene Bedeutung.

Unerwartet: Freundlicher als erwartet

Für das Experiment wandte die Kellnerin noch eine dritte Taktik an: Sie gab den Gästen zunächst ein Stück Schokolade, ging weg, kehrte auf halbem Weg um und sagte sinngemäss: «Für Sie habe ich hier noch ein zweites Stück!» Das Trinkgeld stieg diesmal um 21,3 Prozent.
Warum? Weil die zweite Schokolade nicht einfach Teil der erwarteten Leistung war. Die Kellnerin war bereits weitergegangen und kam eigens zurück. Dadurch wirkte die Geste persönlicher und grosszügiger – und vor allem: unerwartet.

Die meisten Give-Aways sind werder personalisiert, noch bedeutsam, noch überraschend. Folglich lösen klassische Give-Aways kaum einen reziproken Effekt aus. Wir erwarten inzwischen, dass und auf der Strasse allerei gebrandete Kugelschreiber und Notizblöcke in die Hand gedrückt werden. Das mag aus Marketinggründen noch seine berechtigung haben – aber ein Kugelschreiber löst in mir nicht das Bedürfnis aus, mich zu revanchieren.

Eine Aufmerksamkeit wirkt besonders stark, wenn sie nicht bloss der sozialen Erwartung entspricht, sondern darüber hinausgeht.

Man muss Menschen mögen

Reziprozität lässt sich gezielt einsetzen. Aber gerade deshalb sollte man sich eine Frage stellen: Geht es mir darum, Menschen etwas Gutes zu tun – oder darum, sie dazu zu bringen, sich verpflichtet zu fühlen?

Der Unterschied ist entscheidend. Wer nur fragt: «Was muss ich geben, damit ich etwas zurückbekomme?», wird schnell manipulativ.

Wer dagegen fragt: «Was kann ich meinem Gegenüber geben, das für ihn tatsächlich wertvoll ist?», schafft die Grundlage für echte Reziprozität und ist damit oft sehr viel erfolgreicher.

Das universelle Erfolgsprinzip MMMM – Man muss Menschen mögen – gilt auch hier. Wer sich ehrlich für die Bedürfnisse anderer interessiert und bereit ist, ihnen zu helfen, baut Vertrauen auf.

Und dieses Vertrauen zahlt sich häufig aus. Hier ist übrigens mein Blaubeerrisotto-Rezept. Und weil es du bist noch ein Rezept für mazenierte Trauben (perfektes Dessert bei heissem Wetter) und noch ein Weihnachtsguezli-Rezept.

Fabian Ab Yberg
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