Cialdini: Die Macht des Konsistenzprinzips

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Minimalistische Illustration einer Puppe und eines Puppenspielers als Titelbild für einen Blogartikel über das Konsistenprinzip, ein Teil von Persuasion-Prinzipien, von Robert Cialdini.

«Halten Sie sich für eine hilfsbereite Person?» Wer würde bei dieser Frage schon «Nein» sagen? Kaum jemand – erst recht nicht, wenn man öffentlich gefragt wird. Schliesslich möchte man sich selbst in einem guten Licht präsentieren.

Doch ein solches «Ja» hat laut dem US-Psychologen RObert Cialdini eine entscheidende Nebenwirkung: Es fällt danach schwerer, eine spätere Bitte um Hilfe abzulehnen. Wir streben nach Konsistenz. Wer sich selbst als hilfsbereit bezeichnet, möchte sich anschliessend auch dementsprechend verhalten. Wie mächtig dieses Prinzip ist, zeigt ein eindrückliches Beispiel aus dem Koreakrieg.

Ein Aufsatz ist gefährlicher als Folter

Amerikanische Soldaten waren darauf trainiert, selbst unter Folter nicht mit dem Feind zu kooperieren. Die Nordkoreaner konnten daher kaum verwertbare Informationen aus den Gefangenen erpressen. Die Chinesen hingegen waren weitaus erfolgreicher – unter anderem, weil sie das Prinzip von Commitment und Konsistenz gezielt einsetzten.

Statt die Gefangenen zu grossen Zugeständnissen zu zwingen, brachten sie sie schrittweise zur Kooperation. Ein Soldat sollte beispielsweise einen kurzen Aufsatz darüber schreiben, dass in den USA nicht alles perfekt sei. Diese Aufsätze wurden anschliessend über Lautsprecher vorgelesen, für alle sichtbar aufgehängt oder der Soldat las sie gleich selbst vor versammelter Mannschaft vor.

Mit diesem ersten, kleinen Commitment entstand ein Widerspruch zwischen seinem Verhalten und seiner ursprünglichen Haltung, keinesfalls mit dem Feind zusammenzuarbeiten. Schliesslich hatte er nun selbst festgestellt, dass die USA kein perfektes Land seien. Um konsistent mit seinem eigenen Verhalten zu bleiben, war er anschliessend eher bereit, weitere Zugeständnisse zu machen. Von heftiger Kritik an dem «nicht perfekten Land»– bis hin zur Preisgabe von Informationen oder dem Verrat von Ausbruchsplänen.

Nach dem Krieg zeigten Befragungen der zurückgekehrten Gefangenen das Ausmass dieser Taktik: So gut wie jeder hatte auf die eine oder andere Weise mit den chinesischen Wärtern kooperiert.

Drei Details machten die chinesische Methode besonders wirksam: 
Sie war handschriftlich, öffentlich und wurde nur gering belohnt.

Was ist ein Commitment?

Ein Commitment ist eine freiwillige Festlegung auf ein Verhalten oder eine Haltung.
Haben wir uns einmal festgelegt, wollen wir konsistent bleiben. Niemand möchte sich selbst als unzuverlässig oder widersprüchlich wahrnehmen. Deshalb beeinflussen selbst kleine Commitments unser späteres Handeln.

Was ist das konsistenzprinzip?

Das Konsistenzprinzip beschreibt unser tiefes Bedürfnis, im Einklang mit unseren Aussagen, unserem Ruf und Handlungen zu stehen. Sobald wir ein Commitment eingegangen sind, erzeugen wir inneren und äußeren Druck, diesem treu zu bleiben. Das Konsistenzprinzip ist daher laut Cialdini der psychologische Motor, der aus kleine Versprechen langfristige Gewohnheiten macht.

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(Gettyimages)

Öffentliche Commitments

Noch stärker wirkt das Prinzip, wenn andere Menschen von unserem Commitment wissen. Wer öffentlich eine Haltung oder ein Verhalten vertritt, möchte sein Gesicht wahren und nicht widersprüchlich wirken. Deshalb halten wir häufiger an öffentlich geäusserten Überzeugungen fest.

Genau das nutzten die Chinesen aus: Die Aufsätze der Gefangenen wurden vorgelesen oder öffentlich ausgestellt. Der Soldat musste sein Verhalten nun auch vor den anderen rechtfertigen.

Ein ähnliches Prinzip zeigt Cialdini anhand dem stolzen französishen General und Präsident Charles de Gaulle. Der soll bei jeder Gelegenheit verkündet haben, mit dem Rauchen aufgehört zu haben. Auf die Frage, warum er das ständig erwähne, soll er geantwortet haben:

«Glauben Sie, ich, de Gaulle, könnte es mir erlauben, mein Wort zu brechen?»

Ob die de Gaulle Anekdote tatsächlich so stattgefunden hat, sei dahingestellt. Das Prinzip dahinter trifft den Kern: Je öffentlicher ein Commitment ist, desto grösser ist der Druck, ihm treu zu bleiben.

Die Macht des eigenen Stifts

Von der Hand ins Hirn: Das gilt nicht nur beim Lernen, sondern auch bei Commitments.

Ein selbst geschriebenes Versprechen ist zunächst ein kleines Commitment. Gleichzeitig existiert ein sichtbarer Beweis dafür, dass man sich zu etwas bekannt hat. Beides erhöht den inneren Druck, später konsistent zu handeln.

Wenn ein US-Soldat also mit seinem eigenen Stift niederschrieb, dass sein Land Fehler habe, konnte er sich anschliessend leichter dazu bewegen lassen, weitere Kritik an den USA zu äussern. Seine anfängliche Aussage wurde zum Startpunkt für immer grössere Zugeständnisse.

Praxis: Terminkärtchen

Das Prinzip lässt sich erstaunlich einfach im Alltag nutzen. In einer Studie, die Cialdini vorstellt, bekamen Patienten nicht wie üblich eine bereits ausgefüllte Terminkarte. Stattdessen nannte das Praxispersonal Datum sowie Uhrzeit und bat die Patienten, diese selbst handschriftlich einzutragen.
Das Ergebnis: Die Zahl der Patienten, die ohne Abmeldung nicht zum Termin erschienen, sank um 18 Prozent.

Praxis: Aufnahmeritual

Ob im Militär, in Vereinen oder Studentenverbindungen: Neue Mitglieder müssen manchmal absurde, anstrengende oder peinliche Rituale über sich ergehen lassen.
Warum stärken solche Rituale die Gruppenbindung? Gerade weil sie sinnlos sind.
Wer freiwillig etwas Unangenehmes auf sich nimmt, sucht nach einer Rechtfertigung: Dieser Verein muss mir extrem wichtig sein, sonst hätte ich das niemals gemacht. Aus einem kleinen Opfer wird so ein Commitment.

Warum kleine Belohnungen besser funktionieren

Der dritte Erfolgsfaktor klingt auf den ersten Blick paradox: Die Belohnungen waren minimal.

Man könnte meinen, eine grosse Belohnung hätte die Soldaten noch stärker zur Kooperation motiviert. Doch genau das wäre kontraproduktiv gewesen. Eine grosse Belohnung hätte den Soldaten denken lassen: Ich habe das nur getan, weil ich dafür etwas bekommen habe.

Eine kleine, beinahe bedeutungslose Belohnung funktioniert anders. Der Soldat sagt sich stattdessen: Ich habe das aus freien Stücken getan.

Genau diese innere Erklärung ist entscheidend. Das Verhalten wird der eigenen Persönlichkeit zugeschrieben – und nicht dem äusseren Druck.

Cialdini Lektionen für den Alltag

Nach Rat fragen, nicht nach der Meinung:

Fragt man jemanden nach seiner «Meinung», bleibt er Beobachter. Bittet man ihn dagegen um «Rat», wird er zum Mitgestalter. Wer Zeit und Gedanken in eine Sache investiert, identifiziert sich anschliessend damit. Deshalb ist die Frage «Was würdest du an meiner Stelle tun?» meist wirkungsvoller als «Was hältst du davon?».

Komplimente machen:

Auch Komplimente können Commitments erzeugen. Wer beispielsweise für seine Grosszügigkeit gelobt wird, möchte ein Verhalten zeigen, das zu diesem positiven Selbstbild passt. Das Kompliment wird zu einer kleinen Identitätserklärung: Ich bin ein grosszügiger Mensch.

Hältst du dich für …?»

Fragen nach der eigenen Identität steuern zukünftiges Verhalten. Auf die Frage «Hältst du dich für eine hilfsbereite Person?» folgt meist ein «Ja» – und danach das Bedürfnis, sich auch so zu verhalten. Eine kleine Frage bereitet so den Weg für einen späteren Wunsch.

Vom kleinen zum grossen Ja:

Ein kleines Commitment ebnet den Weg für ein grösseres. In einem bekannten Experiment waren Menschen deutlich häufiger bereit, ein riesiges Plakat mit der Aufforderung «Augen auf im Strassenverkehr» in ihrem Vorgarten aufzustellen, wenn sie zuvor einen kleinen Aufkleber mit der Bitte «Fahren Sie vorsichtig» an ihr Fenster geklebt hatten.

Alle Experimente und Konzepte in diesem Artikel stammen aus den Büchern «Die Psychologie des Überzeugens» und «Pre-Suasion» von Robert Cialdini. Beide Werke sind eine klare Leseempfehlung für alle, die menschliches Verhalten und Überzeugungskraft besser verstehen möchten.

Aber falls du keine Zeit hast, die ganzen Bücher zu lesen, findest du auf meiner Website die Kernkonzepte von Persuasion kurz und knackig zusammengefasst. Falls du zum Beispiel wissen willst, was der Zeigarik-Effekt ist, findest du die Antwort HIER.

Wenn du praktische Tipps brauchst, wie du als Unternehmer das Konsistenzprinzip einsetzt, folge diesem LINK.


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