Darum profitiert Trump, wenn er beim Lügen erwischt wird!

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Minimalistische Illustration von Donald Trump als Titelbild zu einem Blogbeitrag über Donalds Trumps Kommunikationsfähigkeiten

«Build the wall», sagte Donald Trump, und ich dachte nur: Was für ein Idiot. Mit diesem Gedanken war ich wohl nicht allein. Von New York bis Schwyz diskutierte man über die Länge der amerikanisch-mexikanischen Grenze und Baukosten. Als Trump dann auch noch verkündete: «Mexico will pay for the wall», erklärte ich an Küchen- und Stammtischen süffisant, dass Mexiko keinen Peso für diese absurde Mauer bezahlen würde. Trump sei eben nichts weiter als ein niveauloser Clown.

Meine Prognose war vollkommen richtig. Aus der «big, beautiful wall» wurde letztlich ein Grenzzaun, und auch für diesen zahlte Mexiko keinen Peso.

Der angeblich niveaulose Clown wurde trotzdem Präsident. Und daran tragen Klugscheisser wie ich eine Mitschuld.

Denn Trump nie der Idiot, für den ihn viele (ich) hielten. Er gehört zu den wirkungsvollsten politischen Kommunikatoren der Geschichte – unter anderem deshalb, weil er die Arroganz und Selbstgefälligkeit seiner Gegner konsequent gegen sie einsetzt.

Win Bigly: Trumps Trickkiste

Die Experten waren sich einig: Trump werde niemals Präsident. Wer etwas anderes behauptete, wurde belächelt. Einer der wenigen, die früh widersprachen, war der inzwischen verstorbene Dilbert-Zeichner Scott Adams. Was erkannte ein Comiczeichner, was Politologen übersahen?

Adams sah früh, dass Trump kein gewöhnlicher Politiker war, sondern ein aussergewöhnlicher Kommunikator. In seinem Buch Win Bigly beschreibt er zahlreiche Mechanismen hinter Trumps Kommunikationsstil. Einer davon nennt sich Intentional Wrongness Persuasion.

Das Prinzip ist verblüffend einfach:

  1. Überlege dir, worüber die Öffentlichkeit sprechen soll.
  2. Mache dazu eine möglichst übertriebene oder offensichtlich falsche Aussage.
  3. Warte darauf, dass Medien, Experten und Klugscheisser den Fehler ausführlich widerlegen.
  4. Lehne dich zurück und geniesse, wie plötzlich alle über dein Wunschthema sprechen.

Nehmen wir die «big, beautiful wall» als Beispiel.

Trump wollte über illegale Migration sprechen. Also versprach er eine rund 3’500 Kilometer lange Mauer, die Mexiko bezahlen werde. Die Medien, Experten – und ich – machten uns über diese Behauptung lustig. Wir diskutierten über Kosten, Machbarkeit und alternative Lösungen.

Was wir dabei übersahen: Wir diskutierten die ganze Zeit über illegale Migration – genau das Thema, das Trump auf die Agenda setzen wollte.

Trump nutzte die Arroganz seiner Kritiker gnadenlos aus. Ich tappte in die Falle und fühlte mich dabei auch noch überlegen. Agenda Setting in Reinform.

Einhörner und Goblins

Scott Adams war nicht der Einzige, der diesen Mechanismus erkannte. Auch der damalige Moderator der Daily Show, Trevor Noah, beschrieb ihn treffend:

«He could tweet that goblins are faster than unicorns. And the next day the news would lose their minds. For 24 hours it would be the only thing they talked about.»

Die Behauptung ist offensichtlich absurd. Doch genau darum geht es: Sobald alle darüber diskutieren, bestimmt nicht mehr die Wahrheit die öffentliche Debatte, sondern derjenige, der das Thema gesetzt hat.

Cunningham’s Law

Dasselbe Prinzip findet sich auch im Alltag. Im Internet kennt man es als Cunningham’s Law. Wer in einem Forum eine Frage stellt, erhält oft keine Antwort. Wer hingegen absichtlich die falsche Antwort postet, muss meist nicht lange warten, bis ein Klugscheisser auftaucht und ihn genüsslich korrigiert.

Menschen helfen erstaunlich gern – noch lieber allerdings, wenn sie dabei beweisen können, dass jemand anderes falschliegt.

Funktioniert auch am Esstisch

Zum Glück bin ich nicht der einzige Idiot auf dieser Welt. Eigentlich bin ich gar kein Idiot – und andere Menschen auch nicht. Es liegt in unserer Natur, Allergisch auf Falschaussagen zu reagieren. Deshalb sind wir auch so anfällig für Intentional Wrongness Persuasion.

Falls du also das Gesprächsthema am Familienfest oder am Stammtisch wechseln möchtest, brauchst du oft nur eine steile Behauptung in den Raum zu stellen. Irgendjemand wird sie empört widerlegen. Und ehe du dich versiehst, diskutiert die ganze Runde über genau das Thema, das du gewählt hast.

Manchmal gewinnt nicht derjenige, der recht hat. Sondern derjenige, der bestimmt, worüber gesprochen wird. Der Standartsatz hierfür stammt von Bernard Cohen:

„The press may not be successful much of the time in telling people what to think, but it is stunningly successful in telling its readers what to think about.“

Bernhard Cohen

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