Ophrys

Minimalistische Illustration einer Hummel-Ragwurz (Ophrys) die von einer Nadel und Faden durchstochen wird als Titelbild für eine Geschichte.

Erster Akt

Der gesamte Hof war mit Marmor gepflastert, so weiss und glänzend wie die Sklera eines Kleinkindes. In seiner Mitte stand, wie eine tiefenblaue Iris, ein Brunnen, in den sanft das Wasser plätscherte. Kreisförmig herum ragten zehn Zypressen gen Himmel und Singvögel in allen vorstellbaren Farben nisteten in ihren Kronen.

Zu drei Seiten war der Hof von dem Landgut, zu einer Seite von einer hohen Sandsteinmauer umschlossen. Die ganze Fassade war geziert mit Nymphenmalereien.

Mittig in der Sandsteinmauer stand ein schweres, bronzenes Tor, geschmückt mit dem abgeschlagenen Medusenhaupt, um alles Böse draussen zu halten. Dem Tor gegenüber lag der Eingang zum Haupthaus. Zehn Treppenstufen musste man besteigen, um ihn zu erreichen.

Und auf dieser Treppe sass Ophrys und nähte. Pechschwarze Locken umgaben das von der Sonne gebräunte Gesicht. Ihre kastanienbraunen Augen folgten der Nadel wie jene des Bussards der Maus. Sie war dabei, ein verschwenderisch schönes, perlgrünes Kleid fertigzustellen. Ihr eigener, geschwungener Körper wurde nur durch dreckige Lumpen verdeckt.

So vertieft war Ophrys in ihre Arbeit, dass sie nicht hörte, wie sich hinter ihr die Türe öffnete. Ein Tritt in den Rücken beförderte Ophrys an den Treppenfuss. Der Stiefel, der sie so gewaltvoll getroffen hatte, gehörte dem Leibwächter. Riesig und stark, von Narben übersät.

«Geh der Herrin gefälligst aus dem Weg!»
Ophrys blieb liegen, legte den Kopf in die Hände und liess die Tränen fliessen, ohne auch nur ein Wimmern von sich zu geben.

Nun trat die Herrin aus der Tür. Sie trug ein azurblaues, mit Silberfäden verziertes Kleid. Bis auf die pfirsichroten Wangen war ihre Haut weiss wie Schafsmilch und sanft wie Seide. Kein Meer war so türkisblau wie ihre Augen, keine Kirsche erreichte die Röte ihrer Lippen. Ihr Haar war zu goldenen Zöpfen geflochten, welche, mehr noch als die Sonnenstrahlen, den Hof erleuchteten. Die Blumenkrone, die ihr Haar umschloss, hüllte sie in einen betörenden Duft. Stolz und streng stand die Herrin auf dem Treppenabsatz und starrte auf das bronzene Tor.

Der Himmel hätte nicht wolkenloser, die Sonne nicht heller und der Wind nicht ruhiger sein können als an diesem Tag, an dem der König kommen würde, um die Hand der Herrin zu bitten.

Zuerst nur leise, dann immer lauter und lauter hörte man Trommeln, Flöten und Gesang in der Ferne. Dann klopfte es am bronzenen Tor.

«Der König bittet um Einlass», tönte es.
Zwei Diener begaben sich geschwind zum Tor, um es zu öffnen, aber das Schloss klemmte und trotz Ziehen und Stossen wollte es nicht nachgeben. Die verstimmte Herrin zeigte dem Leibwächter mit der Hand das Zeichen an, er solle sich darum kümmern. Er ging die Treppe hinunter, stampfte durch den Hof, warf die beiden erfolglosen Diener zur Seite und verpasste dem schweren Bronzetor einen Tritt. Das Schloss brach und die schützende Medusa gleich mit. Aber die Türe war offen und der Tross des Königs trat hinein.

Als Erstes betraten zwanzig Hirtenjungen den Hof, die fröhlich auf ihren Panflöten spielten. Ihnen folgten zwanzig Trommler und dann zwanzig Sänger. Als Nächstes traten dreissig orientalische Tänzerinnen ein. Dann dreissig Maultiere, jedes vollgepackt mit Orangen und Seide, Gold und Edelsteinen und allen weiteren begehrenswerten Reichtümern. In Marschkolonne, im Takt der Trommeln marschierend, überschritten jetzt hundert hochgewachsene Hopliten mit Speer und Schild die Torschwelle. Der gesamte Tross teilte sich nun, sodass sich im Hof eine Schneise bildete. Durch diese ritt nun der König auf einem nachtschwarzen Rappen ein und der ganze Tross ging auf die Knie.

Auch Ophrys, die immer noch am Treppenfuss lag, hob langsam den Kopf, um den König zu sehen. Niemals zuvor erblickten ihre Augen eine derartige Pracht. Seine Brust wurde von einem Schuppenpanzer aus roten Rubinen geschmückt. Um die Schultern lag ein purpurner Mantel. Seine smaragdgrünen Augen strahlten Gutmütigkeit aus. Sein markantes Gesicht wurde von einem Bart und haselnussbraunen Locken gerahmt.

Lobgesänge und fröhlicher Tanz brachen aus. Alle Augen waren auf den prächtigen König gerichtet. Nur Ophrys bemerkte, dass noch ein Schattenmann den Hof betrat. Seine Haut war grau, seine Lippen und Augen schwarz. Er hatte keine Haare und war in einen schwarzen, bodenlangen Mantel gehüllt. Für einen Moment erwiderte der Schatten ihren Blick. Ophrys erschrak und der Schatten huschte schnell in die Menge und verschwand aus ihrem Blickfeld. Sie richtete ihre Augen, wie der Rest des Hofes, wieder auf den König, der im Begriff war zu sprechen.

«Ich bin durch das ganze Land gereist, auf den höchsten Bergen und in den tiefsten Tälern, in den dichtesten Wäldern und den weitesten Feldern, in den prächtigsten Palästen und den schäbigsten Hirtenhütten – überall erzählt man sich von eurer Schönheit. Die Worte, die für euch verwendet wurden, sind den Göttern vorenthalten. Wer diese Worte aussprach, den habe ich einen Gotteslästerer genannt und habe Opfer erbracht, um die Götter zu besänftigen. Aber nun sehe ich: Ich habe zu Unrecht gerügt und die Schafe hätte ich nicht opfern müssen.»
Der König stieg nun von seinem Pferd und kniete nieder. Für einen kurzen Moment blickte er mitleidig auf Ophrys, welche dabei war, vom Treppenfuss in die Menge zu kriechen. Dann sprach er weiter.

«Euch will ich zu meiner Königin machen. Sagt Ja, denn ich kann das Land nicht mehr regieren ohne euch an meiner Seite. In Selbstmitleid würde ich versinken. Werdet meine Frau und vollendet nicht nur mein Glück, sondern erspart dem Volk das Unglück eines gebrochenen Königs. Auch ihr werdet glücklich sein, mein ganzer Reichtum wird euch gehören, und auch ich werde euch gehören.»

Die Herrin erwiderte: «Wenn ihr euer Versprechen haltet, und all euer Reichtum, und sogar ihr selbst, mir gehören werdet, dann will ich auch eure Frau werden.» Der ganze Tross brach in Jubel aus.

Der König schritt nun die Stufen empor. Er blickte der Herrin in die Augen.
«Es wird alles eures sein. Seht all die Maultiere und die wundervollen Gaben, die sie tragen. Sie sind nur der erste Tropfen eines Wasserfalls.»
Der König gab nun zwei Dienern ein Zeichen. Die beiden trugen eine schwere Kiste aus Eichenholz und ein Samtsäckchen die Treppe hinauf.

«Ich will, dass ihr zur Hochzeit das schönste Kleid tragt. In dieser Kiste befindet sich Stoff. Eine Million Purpurschnecken mussten sterben, um ihn zu färben. Gebt ihn eurer Schneiderin und lasst euch ein Kleid anfertigen, welches eurer Schönheit gerecht wird. In diesem Samtsäckchen befindet sich eine Kette aus den seltensten Edelsteinen. Tausende Rinder hat sie mich gekostet, aber ich will, dass ihr an der Hochzeit Schmuck tragt, der eurer Anmut gerecht wird.»

Die Herrin nahm das Samtsäckchen an sich und holte die Kette hervor. Tausende geschliffene Edelsteine reflektierten das Sonnenlicht. Sie hängte sich die Kette um. Nun betrachtete sie den purpurnen Stoff. Zufrieden lächelte sie.

«Wo ist meine Schneiderin?», rief sie laut.
Ophrys trat hervor, das verschwenderisch schöne, perlgrüne Kleid trug sie auf dem Arm.

«Ihr habt den König gehört. Fertigt mir bis zur Hochzeit ein Kleid aus dem purpurnen Stoff. Gnade euch Gott, sollte es meiner Schönheit nicht gerecht werden. Und was den grünen Lumpen da angeht, den ihr gerade am Nähen seid: Verbrennt ihn, ich will ihn nicht mehr sehen.»

«Ja, Herrin», sagte Ophrys mit gesenktem Kopf.
Der Leibwächter reichte ihr eine Fackel. Sie zögerte einen Moment, dann entzündete sie unter dem streng fordernden Blick der Herrin das grüne Kleid. Die Flammen frassen sich durch die Stickereien und Bändchen, bald war nur noch glühende Asche zu sehen.
«Ach, wie gerne hätte ich so ein Kleid besessen», dachte sich Ophrys und trat zurück.

Die Herrin fuhr ungerührt fort: «Drei Tage und Nächte werden wir die Verlobung feiern, bevor wir uns auf den Weg zum königlichen Palast machen. Tretet ein.»

Die Herrin, der König und der ganze feiernde Tross zogen einer nach dem anderen in das Landgut ein. Ophrys beobachtete, wie auch der Schatten sich der feiernden Bande anschliessen wollte. Der Leibwächter hielt ihn an der Tür auf.«Wer seid ihr?»
«Ich bin der Goēs des Königs und bitte um Einlass.»
«Die Herrin mag keine Scharlatane und Hexer, ihr bleibt draussen.»
«Wollt ihr den Hofmagier des Königs wirklich an der Tür abweisen?»,
fragte der Goēs mit zischender Stimme.
«Die Herrin mag keine Scharlatane und Hexer, ihr bleibt draussen.»
«Ich habe das Ohr des Königs, er wird nicht dulden, dass sein Goēs so behandelt wird.»

«Sobald meine Herrin Königin ist, wird sie mir den Auftrag geben, dich und deinesgleichen zu den Wölfen zu jagen, denn sie mag keine Scharlatane und Hexer, ihr bleibt draussen.»
«Lasst mich rein, oder eure Herrin wird den König nicht heiraten.»
«Habt ihr nicht gesehen, wie er meine Herrin angesehen hat? Habt ihr nicht gehört, wie er über ihre Schönheit geschwärmt hat? Ihre Lieblichkeit hat ihn so verzaubert, dass auch eure Flüche nichts mehr daran ändern können. Ich fürchte mich nicht vor euren Drohungen, ihr bleibt draussen.»
Laut lachend ging der Leibwächter zur Tür hinein und schloss diese hinter sich.
Der Goēs flüsterte noch: «Bald wird man auch euch eine Bitte ausschlagen.»

Zweiter Akt

Erste Nacht

Gejohlt und gesungen wurde im Landgut. Das Dunkel der Nacht hatte sich über das Land gelegt. Der Nachthimmel war wolkenlos und so erhellten Sterne und der Vollmond den Hof. Ophrys sass auf der Treppe und schnitt im Mondlicht den purpurnen Stoff zu.

Sie war sich sicher, sterben zu müssen, wenn sie aus diesem Stoff nicht ein Kleid nähen würde, welches ihre Herrin zufriedenstimmte. Über ihr hing das Schwert des Damokles, gehalten nur von einem einzelnen Rosshaar – und sie meinte, dieses Haar im purpurnen Stoff verborgen zu sehen. Mit jedem Schliessen der Scherenklingen wurde sie von der Angst erfasst, das Rosshaar versehentlich zu durchtrennen und damit ihr Todesurteil selbst zu vollstrecken.

Und so widmete sie sich ganz dem Stoff. Weder blinzelte sie, noch wandte sie ihre Augen je ab. Sie hörte weder die wundervollen Melodien und das Gelächter, welche nach draussen drangen, noch den Gesang der Grillen – und auch nicht die leisen, zischenden Flüche, welche in einer vom Licht unerreichten Ecke des Hofes gesprochen wurden.

Ophrys hatte das Kleid schon fast fertig zugeschnitten, als das Mondlicht abrupt erlosch. Ophrys blickte nach oben. Aus dem Nichts hatte sich eine dichte Wolkendecke vor das Firmament gelegt, die kein Sternen- und Mondlicht mehr durchdringen konnte. Ophrys weinte Tränen der Verzweiflung. In dieser Dunkelheit konnte sie unmöglich weiterarbeiten, sie würde das Kleid nicht fertigstellen können und die Herrin würde sie töten lassen.

Eine grosse, spindeldürre Silhouette trat aus einer dunklen Ecke hervor und lief langsam auf Ophrys zu. Sie erschrak, streckte die Schere der unbekannten Gestalt entgegen und sagte laut: «Wer bist du?»

«Keine Angst, Ophrys, ich bin der Goēs des Königs.»
«Was willst du?»
«Ich will dir nur helfen.»
«Warum willst du das?»
«Bis zur Hochzeit musst du ein purpurnes Kleid genäht haben, sonst bist du deines Lebens nicht mehr sicher.»
«Und wie willst du mir helfen?»
«Nur ein kleiner, harmloser Zauber und all deine Sorgen sind vorbei. Keine Schere und Nadel wirst du mehr brauchen. Der Stoff wird sich selbst zurechtschneiden, die Naht sich selbst ziehen, die Edelsteine sich selbst einnähen und die Muster sich selbst stricken. Bevor die Sonne aufgeht, werdet ihr eurer Herrin das prächtigste aller Kleider überreichen können.»
«Ich habe gehört, wie ihr der Herrin mit Flüchen gedroht habt. Weder vertraue ich euch noch eurem Handwerk. Böse Schicksalsfäden würdet ihr im Kleid verstricken, das weiss ich genau. Lieber werde ich vom Leibwächter meiner Herrin geprügelt und erschlagen, als mich auf euer unseliges Angebot einzulassen. Lasst mich in Ruhe.»
«Wie ihr wünscht, wenn ihr unbedingt an diesem Kleid zugrunde gehen wollt. Aber bei dieser Dunkelheit könnt ihr unmöglich arbeiten, also lasst mich euch wenigstens ein Licht schenken.»

Der Goēs hob seinen Arm in die Luft, streckte die dürren, langen Finger aus und ballte sie zur Faust. Er hielt sich die Faust nun vor den Mund und öffnete sie. Darin zum Vorschein kam ein kleiner Ball aus weissem Licht. Der Goēs blies sanft und der Lichtball schwebte zu Ophrys. Der Goēs drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit. Ophrys blieb mit dem Lichtball zurück, der ausreichend hell war, dass sie den Stoff vor sich in aller Klarheit sehen konnte. Sie zögerte einen Moment, dachte darüber nach, den Lichtball von sich wegzublasen. Aber sie kam zu dem Schluss, dass nichts Böses im Licht lag. Und so fuhr Ophrys fort, in seinem Licht den Stoff zuzuschneiden.

Erster Tag

Als die ersten Sonnenstrahlen die Wolkendecke durchstachen, durchstach Ophrys zum ersten Mal den zugeschnittenen Stoff mit ihrer Nadel. Der Lichtball war verschwunden, auch der Goēs war nirgends zu sehen. Ophrys bemerkte, dass auch kein Vogelgesang zu hören war. Verwundert löste sie kurz ihre Augen von der Nadel und blickte in die Zypressenkronen. Nichts. Dafür drangen immer noch die Musik und das Gelächter der Festgesellschaft nach draussen. Ophrys war traurig, dass die Vögel, an denen sie immer so Freude hatte, verschwunden waren. Sie schluckte ihre Trauer hinunter und zog den Faden durch.

Erneut durchstach sie den Stoff, erneut zog sie den Faden durch. Wieder und wieder, Stich um Stich. Bald stand die Sonne am höchsten Punkt, und bald war sie wieder dem Untergehen begriffen. Ophrys hörte nicht die Musik von drinnen, hörte nicht ihren Magen knurren. Ihre Hände waren schmerzhaft wund und ihre Augen gerötet. Es war gerade noch hell, als Ophrys den Faden anziehen konnte. Sie betrachtete ihr Werk. Ihr trauriges Herz hellte auf und sie vergass die schmerzenden Finger ob des Stolzes. Das purpurne Kleid würde sich wie eine Wasserschicht auf den Körper der Herrin legen. Nirgends war es zu lose oder zu eng.

Hinter ihr ging die Türe auf. Der Leibwächter trat hinaus.

«Die Herrin will sehen, wie weit du mit der Arbeit bist. Gib mir das Kleid.»

«Hier, ich habe es fertig geschnitten. Ich brauche es nur noch zu verzieren, und die Herrin wird zur Hochzeit ein Kleid tragen, welches ihrer würdig ist.»

«Wir werden sehen. Her damit.»
Der Leibwächter entriss ihr das Kleid und verschwand wieder hinter der Tür. Ophrys stemmte sich auf und begann, im Kreis zu laufen. Die ersten Schritte fielen ihr schwer, ihre Beine klemmten und knirschten. Sie war aufgeregt, hoffte, der Herrin würde das Kleid gefallen. War voller Zuversicht. Aber auch wenn die Angst nicht mehr loderte, so glühte sie doch noch.

Die Türe wurde aufgeschlagen. Die Herrin stürmte hinaus.
«Ich war zu gutmütig, viel zu gutmütig. Dich prügeln lassen, dich vom Hof in den Wald jagen, dass die Wölfe dich verspeisen, das hätte ich tun sollen. Aber ich war gnädig, und so dankst du mir!»

Die Herrin warf Ophrys das Kleid ins Gesicht und trat wieder und wieder nach ihr. «Das Kleid ist zu schwer, viel zu schwer. Es lastet auf mir wie Steine. Du weisst hoffentlich, was mit dir geschieht, Schneiderin, wenn ich zur Hochzeit kein Kleid trage, welches meiner Schönheit gerecht wird!»

Die Herrin stürmte wieder hinein und liess die Türe ins Schloss krachen. Ophrys lag geprügelt auf der Treppe.

Zweite Nacht

Die Nacht und die Lichtkugel waren zurück. Ophrys hatte sich wieder aufgerafft und sass nun bewegungslos vor dem Kleid. Gelähmt vor Schmerz und Angst. Das Kleid würde morgen genau gleich leicht sein wie heute, aber noch zu schwer für die Herrin, welche sie zu den Wölfen jagen würde. Stunden vergingen. Bald würde die Sonne wieder aufgehen. Aus der dunklen Ecke trat wieder der Goēs an sie heran.

«War diese Prügel es wert, mich abzuweisen?»
«Verschwinde, du Unseliger!»
«Ich hätte dein Leid abwenden können. Aber du wolltest meine Hilfe nicht.»
«Ich will sie auch jetzt nicht. Eure Worte sind fürsorglich, aber ich spüre, dass das Böse in ihnen steckt.»
«Die Wölfe freuen sich über deine Widerspenstigkeit. Du wirst sie gut sättigen.»
«Sie werden satt sein, aber keinen Genuss haben, denn mein Fleisch ist verbittert.»
«Lass mich dir helfen, nur ein kleiner, harmloser Zauber und all deine Sorgen sind vorbei. Die Edelsteine werden sich selbst einnähen und die Muster sich selbst stricken.»
«Und trotzdem würde mich die Herrin zu den Wölfen schicken. Denn das Kleid ist ihr zu schwer. Und nicht mal eure Magie kann dem Stoff sein natürliches Gewicht nehmen.»
«Ihr unterschätzt meine Kräfte. Für mich ist es eine Kleinigkeit, Berge federleicht oder Federn schwer wie Felsen zu machen.»

Ophrys zögerte und überlegte. Sie fühlte sich unwohl, sah aber keine andere Möglichkeit, sich zu retten.

«Dann beweist es mir.»
«Gutes, kluges Kind, das Kleid wird nicht schwerer sein als eine Träne. Das verspreche ich euch.»

Er streckte seinen langen Arm aus und liess seinen Zeigefinger langsam über Ophrys‘ Wange gleiten. Unter ihrem Auge angekommen, verharrte er.

«Ich brauche eine deiner Tränen. Denk an den Schmerz, den dir deine Herrin bereitet. An die Undankbarkeit, an die Prügel, an das verkohlte, perlgrüne Kleid.»

Ophrys dachte an die Undankbarkeit und die Prügel ihrer Herrin. Sie dachte an das grüne Kleid, welches sie so gerne einmal angezogen hätte. Eine Träne löste sich von ihrem Auge und kullerte auf den Finger des Goēs.

Mit der anderen Hand griff der Goēs nun in das purpurnen Kleid und hob einen grossen Stein heraus. Dann legte er Ophrys‘ Träne vorsichtig in das Kleid.

Ophrys hob das Kleid an und tatsächlich: Es war leicht wie ihre Träne.

Als sie die Augen vom Kleid abwandte, war der Goēs verschwunden. Nur der schwere Stein neben Ophrys erinnerte daran, dass er hier gewesen war.

Zweiter Tag

Der Tag war angebrochen, aber der Himmel war grau. Der Wind beugte die Zypressen. Kein Vogelgezwitscher war zu hören. Und nur noch schräge Töne und müdes Gelächter drangen vom Festsaal nach draussen. Ophrys holte ihre Nadel und Goldfäden hervor und begann, Muster in den purpurnen Stoff zu stricken. Mit Adleraugen folgte sie der Nadel. Nymphen und Sirenen, Hirsche und Schwäne, Blumenzweige und Zitronenbäume verewigte Ophrys auf dem Kleid. Mal um Mal stach sie mit der Nadel in ihre Fingerkuppen. Ihr Blut durfte das purpurne Kleid nicht beschmutzen, so riss sie sich jedes Mal einen Stofffetzen ihres Kleides ab, um ihren blutig gestochenen Finger zu verbinden. Es ging nicht lange und all ihre Finger waren verbunden – und Ophrys sass nackt im kalten Wind. Am Mittag hatte sie alle Muster gestrickt, und am Abend alle Edelsteine eingenäht und Bändchen befestigt. Mit letzter Kraft stand sie auf und hielt das fertige Kleid vor sich, um es gründlich zu betrachten. Nie zuvor hatte sie ein solch schönes Werk vollbracht. Die Türe sprang auf. Die Herrin und der Leibwächter traten hinaus.

«Schneiderin, lass mich mein Kleid sehen.»

«Ja, Herrin, hier habt ihr es. Wie ihr wolltet, ist das Kleid nun nicht schwerer als eine Träne. Und die Muster aus Goldfäden sind das Schönste, was ich in meinem Leben vollbracht habe.»

Der Leibwächter entriss ihr das Kleid und hielt es hoch. Die Herrin musterte es kurz. «Was habe ich dir Unrechtes getan, dass ich diese Demütigung ertragen muss?»
«Aber Herrin…»
«Schweig, du nacktes Luder!», schrie die Herrin, warf das Kleid zu Boden und trat darauf. Mit weit aufgerissenen Augen fuhr sie fort:
«Alles steht still, keines der Muster bewegt sich!»
«Herrin?»
«Als wäre ich ein ganz normales, niedergebogenes Luder wie du. Bis zum morgigen Sonnenaufgang tanzen die Nymphen auf dem Kleid, oder die Wölfe werden ihre Freude mit dir haben.»

Die Herrin und der Leibwächter verliessen den Hof wieder und die Nacht trat ein.

Dritte Nacht

Die Finger schmerzten, sie zitterte vor Kälte und sie fiel fast um vor Müdigkeit. Trotz all dieses Leides vermochten Ophrys‘ Augen keine weiteren Tränen zu vergiessen. Nur der schwere Stein und der Lichtball leisteten ihr Gesellschaft, während sie verzweifelt auf der Treppe sass. In der Ferne hörte Ophrys das Heulen der Wölfe. Ophrys blickte kurz unvorsichtig in die dunkle Ecke. Und als die Stunden der Nacht vergingen und der Sonnenaufgang näherkam, starrte sie in die Ecke. Aber es bewegte sich nichts, keine dunkle Silhouette trat hervor.

«Goēs, bitte kommt doch!»
Es tat sich nichts.
«Goēs, ich brauche eure Hilfe, bitte kommt doch!»
Nichts bewegte sich.
«Goēs, es tut mir leid, dass ich eure Hilfe verweigert habe. Nun brauche ich sie, bitte kommt doch!»
Der Goēs aber liess sich nicht blicken.
«Goēs, bitte kommt und helft mir, ich tue auch alles, was ihr wollt!»,
flehte Ophrys.

Und aus der dunklen Ecke löste sich eine Silhouette.
«Oh, arme Ophrys, was für ein wunderschönes Werk du vollbracht hast. Aber nie wirst du die unersättliche Herrin befriedigen. Du tust das Richtige, wenn du mich um Hilfe bittest.»
Der Goēs öffnete seine Hand und reichte Ophrys ein goldenes Haar.«Das ist ein Haar eurer Herrin. Strickt es in den Stoff ein und die Nymphen werden auf dem purpurnen Stoff zu tanzen beginnen. Aber ich erwarte dafür eine Gegenleistung.»

Ophrys nahm das goldene Haar an sich.
«Was ist euer Preis?»,
fragte sie.
«Mein Preis ist es, euch eine Frage stellen zu dürfen.»
Ophrys nickte.
«Ophrys, habt ihr je davon geträumt, eine Königin zu sein?»

Dritter Akt

Der Himmel war makellos. Die Wolken hatten sich zurückgezogen und die warmen Sonnenstrahlen erwärmten Ophrys‘ nackten Leib. Vor einigen Minuten war der Leibwächter gekommen, um das fertige Kleid der Herrin zu bringen. Ophrys fragte sich, ob es ihr nun gefallen würde. Falls nicht, wäre heute ihr letzter Tag auf Erden. Wenigstens aber war es ein idyllischer Tag, sogar die Vögel waren zurück. Die Türe öffnete sich. Der König und die Herrin traten Hand in Hand hinaus. Sie trug das purpurne Kleid. Wie eine dünne Wasserschicht verhüllte es die Herrin. Die Stickereien tanzten fröhlich von Naht zu Naht. Stolz und streng blickte die Herrin drein. Der König erblickte Ophrys.

«Geliebte, ist das eure Schneiderin?»
«Ja», erwiderte die Herrin trocken.
«Kommt her», sagte er sanft zu Ophrys, welche gehorchte.

«Eure Kunst ist aussergewöhnlich. Ihr habt meiner Verlobten ein Kleid gefertigt, welches im ganzen Land seinesgleichen sucht. Ich bin euch zu grossem Dank verpflichtet.» Ophrys strahlte.

«Ich sehe, ihr selbst besitzt kein Kleid. Das darf nicht sein.» Der König rief nach einem Diener und liess sich von diesem ein Stück smaragdgrünen Stoff bringen.

«Nehmt diesen Stoff und schneidert euch ein Kleid. Bald seid ihr die Schneiderin am königlichen Hof.» Der Diener reichte Ophrys den prächtigen Stoff. Ophrys sank zu Boden und dankte dem König überschwänglich. Der Stolz und das Glück, welches sie empfand, liessen sich nicht in Worte fassen.

«Aber das ist mein Stoff! Ihr habt ihn mir versprochen! Das ist mein Stoff!», zischte die Herrin. Der König war sichtlich verwirrt und Ophrys begann, den Stoff an sich zu ziehen und mit starker Hand festzuhalten. Und im tiefsten Innern wunderte sie sich, wie ein derartig schöner Mensch so grausam sein konnte. Nur einmal wünschte Ophrys sich, sollte die Niedertracht der Herrin sie selbst treffen.

«Eure Schneiderin hat sich dieses Geschenk mehr als verdient. Lasst es ihr, und ich werde euch, sobald wir im Palast angekommen sind, mit tausenden Kleidern entschädigen.»

Widerwillig willigte die Herrin ein, warf Ophrys aber noch böse Blicke zu. Der König drehte sich um und rief in das Landgut hinein:

«Beladet die Maultiere, spannt die Karren und sattelt die Pferde! Es geht zum Palast, um Hochzeit zu feiern!»
Der Tross setzte sich in Bewegung. Zuvorderst liefen wieder die Hirtenjungen, welche jedoch kaum gehen konnten, da sie die Trinkerei der vergangenen Tage nicht gewöhnt waren. Die Trommler hingegen waren heiter und hauten wild und taktlos auf ihre Trommeln. Die Sänger trugen halbleere Weinkrüge und jeder lallte ein anderes Lied. Die Tänzerinnen hatten zerrissene Blusen und schwankten vergnügt umher. Dann ritt der König auf seinem Rappen und die Herrin auf einem ebenso prächtigen Schimmel. Die Hopliten schleppten sich weit verstreut hinterher. Das Schlusslicht bildeten die Maultiere und Karrengespanne, auf denen der Rest der Dienerschaft sass.

Auf solch einem Wagen hatte auch Ophrys Platz genommen, den smaragdgrünen Stoff fest umschlungen. Voller Eifer nähte sie, obwohl ihre Finger immer noch wund waren. Immer, wenn sie sich in Gedanken das Kleid tragend sah, erfüllte sich ihr Herz mit Freude. Ophrys versank in ihrer Arbeit, während der Tross die Landschaft passierte. Aber Ophrys hatte keine Augen für die Rebenhänge, kein Ohr für das Wellenrauschen, keine Nase für den salzigen Meereswind. So vergingen Tage und Nächte; Ophrys wusste nicht, wie viele es waren. Von Zeit zu Zeit hielt der Tross an, um sich auszuruhen, aber Ophrys arbeitete weiter. Eines Abends war das Kleid fertig. Keine Goldfäden oder Edelsteine schmückten es, auch keine tanzenden Nymphen, aber Ophrys war sich sicher, dass es das Schönste und Prächtigste war, was sie je genäht hatte. Und vor allem war es zum ersten Mal etwas ihr Eigen.

«Ihr werdet eine wunderschöne Leiche sein.» Ophrys schreckte auf. Ihr gegenüber auf dem Wagen sass der Goēs.
«Wie meint ihr das?»
«Ihr habt euch mit diesem Kleid selbst übertroffen. Eure Herrin wird es nicht dulden, dass euer Smaragd royaler ist als ihr Purpur. Sie wird euer Kleid verbrennen und euch zu den Wölfen jagen.»
«Ich glaube euch nicht. Das purpurne Kleid hat sie begehrt und ich habe all ihre Wünsche erfüllt. Sie hat keinen Grund mehr, mich zu den Wölfen zu schicken.»
«Ich weiss es mit Sicherheit.»
«Wie wollt ihr es mit Sicherheit wissen?»
«Ich habe gehört, wie sie dem Leibwächter den Auftrag gegeben hat.»
«Warum sollte ich euch das glauben?»
«Ich war nie unehrlich mit euch. Aber wenn ihr meinem Wort nicht glaubt, dann glaubt wenigstens dem Wort eurer Herrin.»
Der Goēs öffnete die Hand und ein Edelstein kam zum Vorschein.

«Dies ist einer der Edelsteine der Kette, welche mein König eurer Herrin geschenkt hat. Er glänzt und funkelt wie die restlichen tausend. Und doch ist er ganz anders. Denn ich habe eurer Herrin nie getraut und habe ihn mit Magie belegt. All die bösen Worte eurer Herrin, auch die, die sie im Verborgenen gesagt hat, befinden sich in ihm. Haltet ihn an euer Ohr und hört selber, was sie zu sagen hat.»

Ophrys nahm den Edelstein und hielt ihn an ihr Ohr. Bleicher und bleicher wurde sie mit jeder Beleidigung, mit welcher ihre Herrin sie bedachte. Ophrys verbarg das Gesicht in den Händen und begann zu weinen, als sie hörte, dass der Leibwächter sie noch in der Nacht der Hochzeit zu den Wölfen jagen sollte.

«Glaubt ihr mir jetzt, dass eure Herrin euch nur Schlechtes wünscht?», fragte der Goēs.
«Ja, ja, aber warum nur?»
«Es ist ihre Natur. Lasst mich euch helfen. Eure Herrin darf nicht Königin werden.»
«Aber wieso sorgt ihr euch um mein Schicksal?»
«Weil euer Schicksal auch das meine ist. Ihr habt es doch gehört, was der Leibwächter zu mir gesagt hat – an der Türschwelle. Auch mich wird eure Herrin zu den Wölfen jagen. Unsere Schicksalsfäden sind verwoben, und eure Herrin ist die Moire, welche sie zerschneidet. Sie darf nicht Königin werden.»
«Ihr überschätzt euch, der König ist geblendet von ihrer Schönheit. Er wird sie heiraten. Und wir werden zu den Wölfen gejagt.»
«Ihr habt recht, er ist vernarrt in ihre Schönheit. Und er wird sie heiraten, auch da habt ihr recht. Und trotzdem liegt ihr falsch.»
«Wie kann es sein, dass ich falsch liege, wenn ich doch recht habe?»
«Soll er ihre Schönheit heiraten, wenn er nur nicht ihr böses Herz zur Frau nimmt.»
Ophrys blickte den Goēs mit grossen Augen an.
«Ich verstehe nicht.»
«Euer Herz soll er zur Frau nehmen. Und ihr habt mir doch gestanden, in jener Nacht, dass auch euer Herz manchmal heimlich davon träumt, königliche Kleider zu tragen. Ich kann dies ermöglichen und uns beide vor dem Tod bewahren.»
«Wie wollt ihr das bewirken?»
«Ich habe es schon bewirkt. Das goldene Haar eurer Herrin. Eure Träne. Das purpurne Kleid ist voller Magie. Nur ihr müsst euren Teil noch tun. Zieht es an, und ihr werdet aussehen wie eure Herrin, sprechen wie eure Herrin, riechen wie eure Herrin.»
Ophrys schwieg.

«Morgen kommen wir zu einem See, dessen Wasser vergoldet zu sein scheint. Eure Herrin wird darin baden wollen. Sie wird ihre Kleider ablegen. Geht zum Ufer, nehmt das purpurne Kleid und lasst euer eigenes zurück.»
«Wieso muss ich mein Kleid zurücklassen?»
«Eure Herrin wird keine Wahl haben, als es anzuziehen. Und dann wird sie aussehen wie Ophrys, sprechen wie Ophrys, riechen wie Ophrys. Nur eines bleibt noch zu tun. Ihr müsst eines eurer pechschwarzen Haare in euer Kleid einnähen.»
«Wieso soll die Herrin aussehen wie ich?»
«Damit der Leibwächter die falsche Ophrys zu den Wölfen jagen kann.»
«Das will ich nicht.»
«Ihr habt keine Wahl. Eure Herrin muss das Schicksal erfahren, welches sie für euch bestimmt hat. Sonst bleibt es das eure.»

Ophrys zögerte. Aber sie hatte die herablassenden Worte der Herrin im Ohr, spürte die schmerzhaften Tritte und hatte das verbrannte, perlgrüne Kleid vor Augen. Ophrys zupfte sich ein Haar aus.

Vierter Akt

«Halt! Dort, ein goldener See. In ihm will ich baden.»
Der ganze Tross blieb stehen und die Herrin ritt zum Ufer. Vorsichtig nahm sie ihre Blumenkrone vom Kopf und legte sie auf das Gras. Dasselbe tat sie mit der Kette. Nun öffnete sie das purpurne Kleid und liess es zu Boden gleiten. Ihr milchweisser Körper spiegelte sich im goldenen Wasser. Sie streckte ihren schlanken Fuss aus. Das Wasser war angenehm warm. Anmutig lief sie in den See, bis nur noch ihr Kopf herausragte. Noch nie hatten ihre türkisblauen Augen ein so schönes Gewässer gesehen. Und bald würde es ihr gehören. Bald würde alles ihr gehören. Das goldene Wasser, das grüne Gras, sogar der schwarze Wald auf der anderen Uferseite. Sicher gab es dort Wölfe. Dorthin sollte ihr Leibwächter ihre Schneiderin jagen.

«Dieses kastanienäugige Luder. Der König hatte mehr Augen für ihre Kleider als für mich. Öfter sprach er über die eingenähten Edelsteine als über meine türkisblauen Augen. Öfter hörte ich ihn reden über den Schnitt der Kleider als über die Form meines Körpers. Öfter lobte er die Stickereien als meine geflochtenen Zöpfe. Der König bewunderte sie. Bewunderte sie für die Leichtheit ihrer Kleider, für die tanzenden Nymphen. Und dann nahm das nackte Luder auch noch den Stoff an. Mein Stoff. Das ist mein Stoff. Sie muss sterben.»

Die Herrin schwamm wieder Richtung Ufer und verliess das Wasser. Nackt legte sie sich ins grüne Gras, um sich von der Sonne trocknen zu lassen. Sie schloss die Augenlider. Sie spürte die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrem Körper. Roch das junge Gras – und hörte das Rascheln der Blätter. In der Ferne hörte sie sogar Vogelgezwitscher. Es dauerte nicht lange, da war sie trocken. Gerne wäre sie länger geblieben, aber sie musste zurück zum Tross, um bald Königin zu sein. Sie öffnete ihre Augen, stand auf und wollte sich wieder anziehen.

«Was?» Die Herrin traute ihren Augen nicht. An der Stelle, an der sie ihre Blumenkrone, ihre Kette und ihr purpurnes Kleid abgelegt hatte, lag nun ein smaragdgrünes.

«Das ist doch mein Stoff! Jener, welchen der König der Schneiderin geschenkt hatte.»

Sie blickte sich um, konnte aber niemanden sehen. Auch ihr Schimmel war verschwunden.

«Komm raus, du Hure! Du hast mein Kleid gestohlen! Meinen Schmuck und meine Krone, sogar mein Pferd gestohlen!», schrie die Herrin fanatisch.
«Warte nur, du Luder, ich werde den Leibwächter anweisen, dich zu den Wölfen zu zerren, heute noch!»

Die Herrin, die nicht nackt vor den König treten konnte, warf sich das grüne Kleid über. Hastigen Schrittes lief sie in Richtung des Trosses. Erleichtert sah sie in der Ferne ihren Leibwächter auf sich zukommen. Sie hielt an. Er würde sie zurücktragen. Er würde ihren Besitz wiederbeschaffen. Er würde die diebische Schneiderin zu den Wölfen zerren. Der Leibwächter kam näher. Die Herrin erkannte ein böses Lächeln auf seinem Gesicht. So hatte er sie noch nie angesehen.

«Was lachst du?», fragte sie in scharfem Ton und erschrak.
Ihre Stimme war ihr fremd. Sie blickte auf ihre wunden Hände, auf die sonnengebräunten Arme. Sie griff zu einem Haarbüschel und hielt es vor die Augen. Pechschwarz, nicht mehr golden.

«Nein, nein, ich bin deine Herrin!», rief sie panisch.
«Sei still, du Hure. Jetzt geht es zu den Wölfen», fauchte der Leibwächter und schlug ihr ins Gesicht. Die Herrin fiel. Im goldenen Wasser spiegelte sich ihre Gestalt – die Schneiderin mit weit aufgerissenen, kastanienbraunen Augen. Der Leibwächter packte sie an den Haaren. Am Ufer entlang zog er sie hinter sich her. Sie schrie, weinte und zappelte; der Leibwächter lachte höhnisch. Immer näher kamen sie dem dunklen Wald. Wolfsgeheul war zu hören – lauter und lauter. Sie kamen zum Wald. Der Leibwächter zog sie durchs Dickicht. Die Äste und Dornen zerschnitten ihre Haut. Schliesslich liess der Leibwächter ihre Haare los. Er griff in ihr smaragdgrünes Kleid und riss einen Streifen ab. Nun pfiff er nach den Wölfen, drehte sich um und verliess schleunigst den Wald.

Blutend und weinend blieb die Herrin liegen. Sie schloss ihre Augen. Es begann im Laub zu rascheln. Dann spürte sie einen warmen Hauch auf ihrem Gesicht. Sie öffnete die Lider. Vor ihr stand ein schwarzer Wolf. In den gelben Wolfsaugen spiegelte sich die Schneiderin, aber nun mit türkisblauen Augen.
«Leibwächter, kommt zurück und seht die Augen deiner Herrin!», keuchte sie mit letzter Kraft.
Der Wolf riss sein Maul auf und biss zu.

Fünfter Akt

«Herrin, ich bitte euch, ich war euch doch immer treu, verschont mich!», bettelte der Leibwächter auf Knien.

«Wart ihr denn je gnädig mit der Schneiderin?», fragte die goldhaarige, milchgesichtige Ophrys. Für einen Moment erwog sie, ihn zu begnadigen. Doch dann erinnerte sie sich an all die Stiefeltritte. Und sie erinnerte sich an sein hämisches Lächeln, als er vom Tod der Schneiderin berichtete und ihr ein abgerissenes Stück ihres Kleides als Jagdtrophäe reichte.

Ophrys zeigte dem Hopliten an, das Urteil zu vollstrecken.
«Undankbares Miststück, ihr habt es mir doch befohlen, Hure!», fluchte der Leibwächter verzweifelt, bevor das Schwert des Hopliten seinen Hals traf. Der dicke Hals des Leibwächters aber hielt dem Schwert stand. Der Hoplit holte erneut aus zum Todesstreich. Diesmal gab der Hals des Leibwächters nach und wurde vom Körper getrennt.

Ophrys betrachtete das smaragdgrüne Stück Stoff und liess es sanft in eine Satteltasche gleiten. Der Tross setzte sich wieder in Bewegung. Die Hirtenjungen spielten auf ihren Panflöten, die Trommler gaben den Takt, die Tänzerinnen tanzten wild umher und die Hopliten marschierten wieder in Reih und Glied.

Bald sah man am Horizont goldene Kuppeln, dann ihre Türme. Nach und nach gab der Horizont den ganzen Palast preis. Ophrys war wortlos ob dieser einschüchternden Pracht. Der König lächelte zufrieden und verkündete stolz, dass dies nun ihr Zuhause sei. Der Tross wurde mit jedem Schritt freudiger und freudiger. Sie näherten sich dem versilberten Palasttor. Darauf thronte eine marmorne Göttin auf einem Streitwagen, gezogen von vier Delfinen. Das Tor öffnete sich. Der König und Ophrys wurden vom jubelnden Volk empfangen. Blumen wurden ihnen gereicht und Lobgesänge gesungen. Der König lächelte, liess Gold und Silber unter dem Volk verteilen. Auch Ophrys löste aus ihrer Blumenkrone vereinzelte Blüten und verteilte sie an eine Schar von Kindern, welche neben ihrem Schimmel liefen. So verteilte Ophrys ihre ganze Blumenkrone.

Die Kinderschar bedankte sich laut lachend und stimmte Lobgesänge an.
«Eure Grosszügigkeit gegenüber meinem Volk werde ich euch mit einer goldenen Krone vergüten», sagte der König gerührt. Sie näherten sich einem goldenen Tor. Darauf residierte ein Gott, reitend auf einem sich aufbäumenden Löwen.

Dahinter offenbarten sich weitläufige Blumengärten, Tempelanlagen, Obelisken und künstliche Seen. Die mosaikverzierte Strasse, auf der sie ritten, führte zu einer langen Treppe, welche einen Hügel heraufführte, auf dem das Megaron stand. Das königliche Wohnhaus war azurblau. Hohe Türme mit ihren goldenen Kuppeln ragten in den Himmel und in den Mauern waren verzierte Vogelhäuschen aus Elfenbein verbaut.

Ophrys und der König stiegen von ihren Pferden und betraten das Megaron. Sie kamen in eine grosse Halle. Drei der Wände wurden jeweils durch ein grosses Mosaik verziert: eines aus Meeresmuscheln, welches die Sirenen zeigte; eines aus Vulkaniten, welches einen verbrennenden Phönix darstellte, und einmal der Nachthimmel aus schwarzem Onyx und Brillanten.

Weisser Marmor war am Boden verlegt und von der Decke blickten Götterfresken auf Ophrys und den König hinab. Überall im Raum waren Sockel verteilt, auf denen vergoldete Pfauenstatuen ruhten. Vor dem Phönix-Mosaik stand ein goldener Thron, flankiert von zwei in Bronze gegossenen Hopliten.

Der König stellte sich in die Mitte des Raumes und signalisierte, dass er zu sprechen beabsichtigte. Der Tross bildete einen Kreis um ihn.
«Nach dem Winter bringt der Frühling die Blumen zum Blühen. Ihr, mein Frühling, lasst mich nach eisiger Einsamkeit erstrahlen.»
Er ergriff Ophrys‘ Hand und zog sie zu sich.

«Ich will nicht weiter warten, heute werdet ihr meine Frau.» Der Tross brach in Jubel aus. Wie die Planeten die Sonne begannen sie das königliche Paar tanzend zu umkreisen.

Höflinge wünschten dem königlichen Paar Fruchtbarkeit und die Hirtenjungen erbrachten Opfergaben. Sänger überboten sich mit überschwänglichen Lobgesängen und Diener reichten Weinkrüge, Trauben und Süssgebäck herum. Mit jedem geleerten Weinkrug wurde die Stimmung ausgelassener. Besonders der König war bester Laune; sein Lachen durchbrach selbst die dicken Palastmauern, sodass es wohl im ganzen Land zu hören war. Anfangs genoss auch Ophrys das Fest, die Aufmerksamkeit und die Lobgesänge auf ihre Schönheit und die Pracht des purpurnen Kleides. Auch den Wein und die erhabenen Speisen genoss sie, hatte sie zuvor doch niemals etwas so Edles zu sich genommen.

Aber wie Harz, das ein Leck nur kurz stopfen kann, bevor Wasser wieder eintritt, so befriedigt Genuss nur kurz, bevor die tiefsten Sehnsüchte wieder durchdringen. Und so begann Ophrys schon wieder von ihrem smaragdgrünen Kleid zu träumen. Das Einzige, was ihr jemals gehört hatte. Sie würde es nie tragen können. Aber der Leibwächter hatte ihr doch ein kleines Stück des Kleides als Trophäe gebracht – und zumindest dieses wollte sie tragen. Sie schickte also einen Diener los, es aus ihrer Satteltasche zu holen. Als er zurückkehrte, band sie sich das smaragdgrüne Stoffstück um den Knöchel. Sofort erfasste sie eine tiefe Zufriedenheit, als wären alle ihre Wünsche erfüllt.

Die Stimmung war am Höhepunkt angekommen. Ausgelassen wurde getanzt und hemmungslos gesungen. Der König bat um Ruhe, denn die Zeit war gekommen, um die Königin zu krönen.

«Eure Schönheit habe ich mit allen Reichtümern der Erde aufgewogen. Mit Wein und Schmuck und Palästen. Aber immer noch ist die Waage nicht im Gleichgewicht. Es fehlt eine Krone.»
Als er das sagte, setzte er Ophrys eine goldene Krone auf das goldene Haupt, während er ihr in die Augen schaute.

«Aber was ist denn mit euren türkisfarbenen Augen passiert? Die sind ja kastanienbraun!», fragte der König.
Ophrys erschrak. War es in der Halle zuvor ruhig, war es nun totenstill. Niemand wagte zu atmen.

Ein Hirtenjungen rief schliesslich: «Kastanienbraun wie die Augen der Schneiderin!»
«Schweig, Bursche! Die Schneiderin wurde vom Leibwächter zu den Wölfen geworfen», schimpfte einer der Hopliten.
«Niemals habe ich solche kastanienbraunen Augen gesehen wie jene der Schneiderin. Ich werde sie nie vergessen. Prügelt mich doch, wenn ihr mich der Lüge bezichtigt!», verteidigte sich der Hirtenjunge.

Der ratlose Goēs erblickte den smaragdgrünen Stofffetzen am Knöchel der Ophrys.
«Was habt ihr bloss getan? Ein Königreich und euer Leben getauscht gegen einen Stofffetzen», murmelte er und schlich sich schleunigst aus der Halle. Er stand schon auf der Türschwelle, da rief einer der Trommler.

«Nur der Goēs beherrscht dieses Handwerk. Ich werde diesen Scharlatan zu den Wölfen treiben!», rief einer der Hopliten.

Der Goēs begann zu rennen. Raus aus dem Palast. Verfolgt vom Hopliten flüchtete er sich in den Wald. Er blickte zurück. Der Hoplit war ihm nicht gefolgt. Der Goēs war erleichtert, doch im Dunkeln sah er zwei gelbe Augen leuchten. Er versuchte noch, einen Zauber zu beschwören, aber der Wolf war seines Halses bereits habhaft geworden.

Währenddessen war die Halle immer noch in Aufruhr. Die Blicke der Trommler, der Hirtenjungen, der Sänger und der Tänzerinnen durchstachen Ophrys, wie sie früher den Stoff durchstach. Verzweifelt fiel sie auf ihre Knie.

Der König liess sich auf seinen Thron fallen. Hoffnungslos fragte er:
«Meine Königin, ist dies alles wahr?»

Ophrys überlegte noch, zu lügen, wieder Haltung anzunehmen. Aber sie konnte nicht mehr.
«Ja, es ist wahr. Ich bin Ophrys, die Schneiderin. Ich lebe in Gestalt meiner Herrin, und meine Herrin starb in meiner.»

«Diese Schneiderin hat sich Purpur umgelegt. Wie kann sie es wagen!», rief ein Höfling.

Der König liess seinen Kopf in seinen Schoss sinken.
«Tötet die Mörderin!», schrie einer der Hopliten und packte Ophrys‘ goldene Zöpfe. Er blickte kurz zum König, aber dieser regte sich nicht. Also zerrte er Ophrys hinaus in einen der Gärten. Ophrys weinte nicht, schrie nicht, bettelte nicht um Gnade.

Sie schloss die kastanienbraunen Augen und dachte an ihr smaragdgrünes Kleid, als das Schwert des Hopliten sie erfasste. Ihr Blut versickerte in der Erde, und als der Frühling kam, war der Garten von Orchideen übersät, so purpurrot wie das Kleid einer Königin.

Ophrys Holoserica

Die Hummelragwurz

Die Hummel-Ragwurz ist eine Wildorchidee, die mit einem raffinierten Trick arbeitet, um bestäubt zu werden. Ihre Blüte sieht nämlich einer weiblichen Hummel erstaunlich ähnlich – sowohl in Form als auch in Farbe und sogar im Duft.

Männliche Hummeln werden dadurch getäuscht: Sie glauben, eine echte Partnerin vor sich zu haben, und versuchen sich mit der Blüte zu paaren. Dabei bleiben die Pollen der Orchidee an ihrem Körper hängen. Fliegt die Hummel anschließend zur nächsten Hummel-Ragwurz, werden die Pollen übertragen und die Pflanze bestäubt.

Diese Täuschung hat für die Orchidee einen großen Vorteil: Sie muss keinen Nektar produzieren, um Insekten anzulocken. Das spart Energie. Statt eine Belohnung anzubieten, nutzt sie eine Täuschung

Die Hummel-Ragwurz wächst vor allem auf sonnigen Wiesen und kalkhaltigen Böden und gehört zu den faszinierendsten Beispielen dafür, wie einfallsreich Pflanzen ihr Überleben sichern.

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Fabian Ab Yberg
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