„Sogar hier oben gibt es Schlangen“, dachte ich.
Momente zuvor hatten mich noch die Scheinwerfer eines Lastwagens geblendet, der direkt auf mich zuraste. Gerade noch hatte ich begriffen, dass es gleich vorbei sein würde. Ich schloss die Augen und wartete auf den Aufprall.
Der Tod musste augenblicklich eingetreten sein, denn auf der Erde kam ich nicht mehr zu Bewusstsein. Eine Nahtoderfahrung oder eine ausserkörperliche Reise hatte ich ebenfalls nicht.
Als ich die Augen wieder öffnete, blendete mich ein grelles Licht. Ich rieb sie und versuchte, mich möglichst schnell an die Helligkeit zu gewöhnen. Zunächst verschwommen, dann immer klarer erkannte ich einen weissen Gang, an dessen Ende sich eine goldene Tür befand.
Und in diesem weissen Gang standen Hunderte von Menschen, ordentlich aufgereiht in einer langen Schlange.
Sogar hier oben gibt es Schlangen, dachte ich überrascht.
Nach kurzem Überlegen erschien mir das allerdings durchaus logisch. Schliesslich starben ständig unzählige Menschen, und ihre Seelen mussten sich im Himmel irgendwo sammeln.
Also stellte ich mich ebenfalls an.
Anfangs hoffte ich noch, dass es zügig vorangehen würde. Doch schon bald merkte ich, dass ich der goldenen Tür nur quälend langsam näherkam.
Ich war frustriert. Aber ich wollte meinen möglichst reibungslosen Eintritt ins Himmelreich nicht gefährden. Also hielt ich den Mund und frass den Frust in mich hinein. Ein letztes Opfer. Ein letzter Akt der Selbstbeherrschung vor dem Paradies – das würde ich schon schaffen.
Die Schlange vor dem Himmelstor erwies sich schnell als eine der grössten Geduldsproben meiner Existenz.
Zeitweise ging es erstaunlich schnell voran, sodass man Hoffnung schöpfte, bald am Ziel zu sein. Nur um kurz darauf wieder vollständig ausgebremst zu werden und für eine gefühlte Ewigkeit auf derselben Stelle zu verharren.
War das Leben denn nicht schon Warterei genug gewesen?
Das Kämpfen gegen Gemüseteller in der Kindheit. Das Erlernen komplizierter Grammatik in der Schule. Jahre des Schuftens. Staus. Schlangen am Kiosk, Schlangen beim Check-in. Schlangen und noch mehr Schlangen. Nur um am Ende wieder in einer Schlange zu stehen. Und zu warten. Zu warten. Und weiter zu warten.
Natürlich war ich nicht der Einzige, der das gründlich satt hatte.
Einige Meter vor mir versuchte ein Mann mittleren Alters mit grauen Haaren und hochrotem Kopf, sich lautstark nach vorne zu drängen. Er diskutierte mit den Menschen vor ihm und verlangte, sie sollten ihn gefälligst vorlassen. Er habe es eilig.
Als sie das ablehnten, schrie er sie an und brüllte, ob sie überhaupt wüssten, wer er sei.
Auch das half nichts.
So sehr Schlangen – wie im Fall dieses Cholerikers – das Schlechteste im Menschen hervorbringen konnten, so brachten sie auf der Erde wie im Himmel auch immer wieder etwas Gutes hervor.
Schlangen sind Orte, an denen man sein Schicksal stoisch akzeptieren kann – oder das Beste daraus macht, indem man sich mit seinen Leidensgenossen anfreundet.
Das war jedenfalls mein Plan.
Ich tippte der Frau vor mir auf die Schulter. Sie drehte sich um.
Ich hatte mir noch gar nicht überlegt, was ich sagen wollte, und entschied mich spontan für:
„Und … warum bist du hier?“
„Ich bin im Iran auf die Strasse gegangen und wurde erschossen, als ich mich vor einen kleinen Jungen warf, auf den die Sicherheitskräfte gezielt hatten. Und du?“
In diesem Moment wurde mir klar, dass ich eine wahnsinnig langweilige Todesgeschichte hatte.
Meine Gesprächspartnerin hatte ihr Leben geopfert, um das eines Kindes zu retten.
Und ich musste antworten:
„Ich habe ein Stoppschild übersehen.“
Sie bemerkte meine Verlegenheit und sagte mit einem leicht amüsierten Lächeln:
„Dann sind wir wohl beide im Widerstand gegen ein autoritäres System gefallen.“
Ich lachte.
„Ich heisse übrigens Azadeh“, sagte sie. Das bedeute auf Persisch so viel wie die Freie.
Während der nächsten Minuten – oder, falls es im Himmel keine Zeit mehr gab, während einer unbestimmten Dauer – erzählte sie mir vom Iran. Im Gegenzug erklärte ich ihr, warum die Tomatensauce von Marcella Hazan die beste der Welt sei.
Das Gespräch liess die Wartezeit erstaunlich schnell vergehen.
Erst als ich Azadeh gerade die Vorzüge einer Dreierkette erklärte, riss uns eine laute Durchsage zurück in die Realität der Warteschlange.
Eine Lautsprecherstimme forderte uns auf, uns zu den jeweils passenden Schaltern zu begeben. Davon schien es Hunderte zu geben.
Gemeinsam machten wir uns auf die Suche.
Azadeh suchte den schiitischen Schalter, ich einen christlichen. Uns war sofort klar, dass sich unsere Wege hier trennen würden – es sei denn, einer von uns, meinte Azadeh mit einem schelmischen Blick, entschlösse sich noch schnell zu einer Blitzkonversion.
Ernsthaft fragten wir uns jedoch, ob wir uns im Himmel überhaupt wiederfinden könnten. Ohne WhatsApp und ohne Telefon.
Wir tauschten Nachnamen und Geburtstage aus, in der Hoffnung, dass das reichen würde.
Azadeh fand ihren Schalter schnell, und wir verabschiedeten uns.
Nun war ich wieder allein.
Ich lief durch die riesige Himmelshalle. Allein an den Schaltern der orthodoxen Kirchen brauchte ich eine halbe Ewigkeit, um vorbeizukommen. Ich passierte die französisch-orthodoxe, die russisch-, ukrainisch- und georgisch-orthodoxe Kirche. Eines wusste ich jedenfalls sicher: Orthodox war ich nicht.
Doch schon bald fiel mir auf, dass ich eigentlich gar nicht wusste, was ich überhaupt war.
An einem Schalter standen Presbyterianer, an anderen Adventisten, Jansenisten, Hussiten, Supralapsarianer oder tridentinische Katholiken. Von den meisten dieser Strömungen hatte ich zu Lebzeiten noch nie gehört.
Zunehmend genervt irrte ich umher, bis ich zu meiner Erleichterung einen Informationsschalter entdeckte.
Selbstverständlich gab es auch dort eine Schlange.
Offenbar war ich nicht der Einzige, der sich im Himmel schlecht zurechtfand.
Also wieder warten.
Am Informationsschalter begrüsste mich ein Engel mittleren Alters mit einer Topffrisur.
Ich erklärte ihm, dass ich meinen Schalter nicht finden könne. Daraufhin fragte er mich, welcher Religion ich angehöre.
„Katholisch“, antwortete ich.
Der Engel hakte nach und bat mich, genauer zu werden.
Das konnte ich nicht.
Aus Frust fragte ich, warum man den Laden derart kompliziert organisiert habe und weshalb man nicht einfach in christlich, muslimisch, buddhistisch und „übrige“ unterteile.
Der Engel erwiderte gelassen, das sei früher tatsächlich so gewesen. Erst die neuen Inklusionsrichtlinien, die infolge der zahlreichen Kirchenspaltungen eingeführt worden seien, hätten die heutige Ordnung notwendig gemacht.
Geduldig befragte er mich zu meiner Familie, meiner Herkunft, meiner Taufe und vielem mehr.
Schliesslich schickte er mich zum römisch-katholischen Schalter, der sich ganz am Ende des Flurs befinde.
Der Engel fügte noch hinzu, dieser Schalter sei lange Zeit der meistfrequentierte gewesen. Inzwischen schicke man dorthin allerdings vor allem jene, die – so wie ich – selbst nicht genau wüssten, was sie eigentlich seien.
Also nahm ich die Beine in die Hand. Ich wollte endlich ins Himmelreich.
Als ich den römisch-katholischen Schalter erreichte, stellte ich erleichtert fest, dass sich die jahrhundertelange Kirchenspaltung für mich ausnahmsweise einmal auszahlte.
Vor diesem Schalter gab es keine Schlange.


