Der Kokainbär

3–5 Minuten
Minimalistische Illustration eines Bären mit Gewehr als Titelbild eines Blogbeitrages über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine

Ich liebe trashy Horrorfilme. Je trashier, desto besser. Und damit bin ich nicht allein. Herausragende Vertreter des Genres wie Scary Movie oder Sharknado haben längst ihren Weg in die massentaugliche Popkultur gefunden. Mein Favorit aber ist Der Kokainbär.

Wie auch bei Sharknado (Haie werden durch einen Tornado an Land geschleudert) ist auch hier der Name Programm. Eine Bärin findet kiloweise Kokain, schnupft es weg, verliert jedes Schmerzgefühl und wird hyperaggressiv. (Basiert übrigens auf wahren Begebenheiten).

Der Film ist ein Genuss, vor allem aber erklärt er ein aktuelles politisches Paradoxon: Das putinistische Russland blamiert sich in der Ukraine seit Jahren bis auf die Knochen – und soll gleichzeitig eine existenzielle Bedrohung für die NATO sein. Das klingt widersprüchlich. Ist es aber nicht. Der russische Bär ist schlicht auf Kokain.

Die Anatomie des Rauschs

Bevor wir über den russischen Bären sprechen, sollten wir uns anschauen, was Kokain mit einem gewöhnlichen Bären (oder Menschen) anstellt. Laut Sucht Schweiz gehören zu den kurzfristigen Wirkungen:

So wirkt es auch auf die Brummbärin im Film. Die pelzige Koksnase wird zu einer Killermaschine, die sich auch von Pistolenpatronen nicht aufhalten lässt. Rastlos jagt sie nach mehr Stoff und hinterlässt dabei eine Schneise der Zerstörung. Rücksicht zeigt sie weder gegenüber anderen noch gegenüber sich selbst.

Diese zerstörerische Wut wird von vielen Beobachtern fälschlicherweise als Stärke interpretiert. Das ist sie aber nicht. Schmerz, Hunger und Müdigkeit sind für Bären überlebenswichtige biologische Warnsysteme. Wer sie ausgeschaltet, zerstört sich langfristig selbst. Die Aggressivität ist völlig sinnlos. Die Bärin könnte gemütlich Waldbeeren futtern, Bäume hochklettern und mit ihren Bärenjungen spielen – stattdessen rennt sie blind in den eigenen Untergang.

Russlands weisses Pulver heisst Krieg

Russlands Kokain heisst Krieg, und es wirkt exakt wie das weisse Pendant. Der Hunger der Bevölkerung nach Wohlstand, Freiheit und echter Sicherheit wird von vermeintlichen Fronterfolgen – wie der heroischen Erstürmung einer Baumreihe – unterdrückt. Ebenso die gesellschaftliche Ermüdung, ausgelöst durch Entbehrungen, Sanktionen und astronomischen Verlusten.

Das eurasische Reich berauscht sich an einem künstlichen Selbstvertrauen. Es fühlt sich wieder als unbesiegbare Grossmacht, wenn es ukrainische Kinderkrankenhäuser in Schutt und Asche legt. Wenn es hybride Sabotageakte in Europa verübt. Wenn es im Staatsfernsehen darüber witzelt, Russland könnte ja einfach europäische Metropolen atomisieren.

Die Vernichtungsfantasien lässt sich Moskaus-Elite auch etwas kosten – nämlich jede Wirtschaftliche und politische Zukunft des Landes. Bei den Dealern in China steht man tief in der Kreide. Der russische Bär brüllt gegen Westen, während er im Osten zum Tanzbären dressiert wird. Aber die Russen lassen sich gerne Demütigen, solange Peking-Pablo sie im Gegenzug weiter Krieg führen lässt.

Der unweigerliche Absturz

Doch jeder Rausch ist zeitlich begrenzt. Langfristig führt der Kokainkonsum laut Sucht Schweiz zu einer fundamentalen Erschöpfung des Körpers. Ängste, Wahnvorstellungen und Paranoia sind die Folge.

Auch diesen moralischen Kater sehen wir in Moskau längst. Unter der hyperaktiven Oberfläche blutet das Land demografisch und technologisch aus. Da der Körper diesen Zustand aber nicht ewig durchhält, schlägt die Paranoia voll zu. Die Kreml-Propaganda schwurbelt längst nicht mehr von einer „Spezialoperation“, sondern halluziniert einen „heiligen Krieg gegen den satanischen Westen“, der Russland angeblich vernichten will. Reine Wahnvorstellungen – aber überlebenswichtig, um den Trip am Laufen zu halten.

Warum also wird nicht einfach aufgehört? Weil auf den Entzug die nackte Realität folgt: Schuldgefühle, das Eingeständnis des totalen Versagens und tiefe politische Depression. Es drohen die Rückkehr hunderttausender PTBS-Soldaten und der Zusammenbruch einer Wirtschaft, die längst nur noch durch schuldenfinanzierte Kriegsinvestitionen am Laufen gehalten wird. Wenn Putin den Krieg stoppt, blickt er in den Abgrund eines ruinierten Landes.

Um diesen fatalen Absturz zu verhindern, gibt es für den Kreml-Junkie nur einen Ausweg: Die Dosis muss gesteigert werden. Noch mehr Truppen an die Front, noch mehr Wirtschaft auf Kriegsproduktion. Der russische Bär kann nicht mehr aufhören anzurennen. Er wird so lange wild um sich schlagen, bis sein eigener Körper kollabiert, und dabei enormen Schaden anrichten. Genau hier löst sich das NATO-Paradoxon auf: Russland ist im Vergleich zum westlichen Bündnis konventionell und wirtschaftlich schwach und wird immer schwächer. Gleichzeitig wird die potemkinsche Weltmacht aber immer aggressiver.

Das ist das eigentliche Dilemma der NATO-Staaten. Sie sind Russland in jeder Hinsicht überlegen. Doch der Konflikt mit einem wilden Bären, der zu allem Überfluss auch noch über Massenvernichtungswaffen verfügt, würde auch sie massiv schwächen. Unabhängig vom Frontverlauf in der Ukraine gilt: Russland wird nicht gefährlicher, weil es stärker wird – sondern weil es längst süchtig nach Krieg ist.

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Fabian Ab Yberg
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