Für uns war Gustav Leben, Hoffnung und Stolz; für die Soldaten nur ein weiterer Ochse, dazu da, Kanonen und Wagen zu ziehen, Säcke zu schleppen, verspeist zu werden. Meine Frau warf sich in den Schlamm, bat den Offizier, ihn uns zu lassen; auf Knien appellierte sie: Wie sollten wir überleben ohne den starken Gustav, der unsere Felder pflügt? Der Offizier, der von ihrem Leiden zuerst noch amüsiert war, war bald gereizt ob ihres Flehens. Unfreundlich stieß er sie mit dem Stiefel in den Schlamm, wandte sich an mich und sagte mir, ich solle mein aufmüpfiges Weib besser kontrollieren. Ich fragte, ob er verstand, was er uns gerade antat. Nicht nur Gustav, den er uns stahl, sondern auch Gemüse und Weizen, Werkzeuge und Pfannen – alles, was wir brauchten, um den Winter zu überstehen. Ich fragte ihn, ob das mit seinem Gott vereinbar sei. Kalt erwiderte er, ich solle nicht so kleinlich sein; ich sei ihm eigentlich zu Dank verpflichtet, dass er sich mit seinen Soldaten nicht noch mehr nehmen würde. Dabei blickte er auf meine Frau und die Töchter.
Schließlich zogen der Offizier und die Soldaten davon. Mit ihnen Gustav, mit ihnen all unser Hab und Gut. Zurück ließen sie einen leeren Hof, eine weinende Frau, wimmernde Kinder und mich, der ganz still war. Eigentlich war es ein schöner Tag. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, der Himmel war blau und in der Ferne hörte man das kleine Flüsschen rauschen. Trotzdem hatte sich das Unheil über diese heile Welt gelegt; der Sensenmann zog durch unser Land und ließ nichts als Tod und Leid zurück. Die Soldaten hatten uns alles genommen. Besonders abstrus war, dass der Offizier jedoch recht hatte: Ich musste ihm noch dankbar sein, es hätte schlimmer kommen können. Er hätte sich Frau und Töchter nehmen können, oder einer der betrunkenen Soldaten, der sich an unserem Bier bedient hatte, hätte sich einen Spaß daraus machen können, unseren Hof abzubrennen. Dies war nicht geschehen. Der Hof stand noch und wir waren noch am Leben.
Nun gingen wir wieder hinein. Alle Schränke hatten sie durchsucht. Wir schauten, was sie uns gelassen hatten. Einige Kleider, ein bisschen Besteck, viel mehr nicht. Im Stall, in der Erde vergraben, hatten wir ein bisschen Essen gelagert. Wir hatten ja gewusst, was auf uns zukam. Es war nicht viel, aber genug, um einige Tage zu essen zu haben. Aber nicht so viel, dass die Soldaten vor Wut entflammt alles niedergemacht hätten, weil sie nichts zu rauben gefunden hatten. Dieses bisschen musste jetzt reichen. Das Abendbrot fiel bescheiden aus. Als die Sonne dem Mond wich, fielen zuerst den Kindern und dann uns schnell die Augen zu vor Erschöpfung. Voller Sorge, wohlwissend, dass das Ungemach nach dem heutigen Tag nicht vorbei war, sondern eigentlich erst richtig begonnen hatte und so lange bleiben würde, bis die Armeen zum Teufel gingen.
Mit dem ersten Sonnenstrahl wachten wir wieder auf. Meine Frau und meine Töchter wies ich an, im Wald nach Beeren und Wurzeln zu suchen und dabei vorsichtig zu sein, weil überall versprengte Soldaten herumirrten. Ich würde die Nachbarschaft besuchen und in Erfahrung bringen, wie es ihnen ergangen war und ob es sie auch erwischt hatte. So lief ich los. Nach einigen Minuten kam ich zum Hof meines Nachbarn Paul – besser gesagt zu dem, was früher sein Hof war: niedergebrannt. Mein Nachbar lag verkohlt in seinem alten Hof, zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen, Karl und Josef. Ich lief weiter und traf auf Hans. Er war auf derselben Mission wie ich. Er berichtete mir von seinem Schicksal und ich von meinem und dem von Paul. Zusammen streiften wir weiter durch die Gegend. Die Hälfte der Höfe war abgebrannt, die Hälfte nur ausgeraubt; die Hälfte der Bauern war tot, die Hälfte der Bäuerinnen entehrt; der einen Hälfte der Kinder liefen die Tränen aus den Augen, der anderen Hälfte das Blut aus den Adern. Nie zuvor hatte unser Land einen solchen Schrecken gesehen.
Die nächsten Monate waren ein Graus. Die beiden feindlichen Armeen, die sich in unserem Lande niedergelassen hatten, manövrierten hin und her, ohne sich eine Schlacht zu liefern. Das einzige Blut, das floss, war jenes der Bauern. In der Erde gruben wir nach allem, was irgendwie essbar war. Viele waren tot, viele hatten sich mit dem Wenigen, was sie noch besaßen, auf und davon gemacht, damit man vielleicht in der Ferne mehr Glück fände. Wir aber blieben. Alles, was wir zum Essen fanden, verschlangen wir; Vorräte anzulegen, wäre ein komplett sinnloses Unterfangen gewesen. Die Soldaten, die durch die Gegend zogen, schauten regelmäßig vorbei und holten sich, was es noch zu holen gab.
Eines Morgens schließlich hörten wir in der Ferne Kanonendonner. Die beiden Armeen, so schien es, waren das Plündern leid und stellten sich zum Kampf. Der ganze Himmel verdunkelte sich vom Rauch der Kanonen und von der aufgewirbelten Erde der Pferdehufe. Über Stunden ging das so, bis das Donnern verstummte. Ich und eine Gruppe von ebenfalls abgemagerten Bauern mit schwarzen Augen versammelten uns, nahmen Stock und Stein in die Hand und begaben uns Richtung Schlachtfeld. Überall tote Männer, tote Pferde, tote Ochsen; ein beißender Gestank. Schließlich kamen wir in ein kleines Wäldchen. Im Schatten der Bäume lagen einige blutende Soldaten – Verwundete, die sich in den Wald gerettet hatten. Einigen fehlten Glieder und sie schrien vor Schmerz, aus anderen war das Leben bereits gewichen. Unter einer Linde lag der Offizier, der vor einigen Wochen als Erster Unheil über unseren Hof gebracht hatte. Ihm fehlte ein Arm. Mit leeren Augen starrte er mich an. Ich hob den Stein in meiner Hand und schlug ihm den Schädel ein, bis von diesem nichts mehr übrig war. Und so hatte er mir auch noch meine Reinheit genommen. Einige Spatzen landeten auf der Linde und sangen ihr Lied.


