Die Taxifahrt

Minimalistische Illustration eines Taxis, eines Wolf, einer Stadt und eines Waldes als Titelbild einer Kurzgeschichte über eine unheimliche Taxifahrt

Ich verließ den Bahnhof, steuerte auf die Taxikolonne zu und stieg in das Erstbeste ein. „An in die Oberdorfstraße 20“.

Der Taxifahrer nickte, gab die Adresse im Navi ein und liest den Taxameter laufen. Wir fuhren los. Ich blickte aus dem Fenster. Mein kleines Städtchen leuchtete in der Abendsonne. Mein Fahrer durchbrach die Ruhe.
„Sie sind von hier was?“
Ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir und keine große Lust auf Smalltalk, Und so antwortete ich mit einem abweisenden „Ja“.
Mein Fahrer, ein Mann mittleren alters mit starkem Sonnenbrand, dessen Bauch zu-, die Haare abnahmen, ließ sich in seinem Vorhaben, mit mir ins Gespräch zu kommen, jedoch nicht abbringen. „Also waren sie auf einer Geschäftsreise oder in den Ferien?“
Hackte er mit seiner tiefen Stimme nach.
„Privater Angelegenheiten in der Nachbarstadt.“
„Und wie lange waren sie dort?“
„Nur eine Nacht.“
Sein Kiefer setzte sich wieder in Bewegung. Er setzte zur nächsten Frage an. Ich beschloss, sein Vorhaben zu unterbinden.
„Schauen Sie, ich hatte einen langen Tag, habe nicht wirklich Lust, mich zu unterhalten. Bitte bringen Sie mich nur nach Hause.“

„Natürlich“ antwortete Mein Fahrer freundlich. „Das Verstehe ich. Außerdem wollte ich, nachdem ich ja schon weiß, woher sie kommen, Fragen, wohin sie denn gehen und das haben Sie mir ja gerade verraten. Oberdorfstrasse 20, gute Adresse, ihr zu Hause.“ Fuhr er fort.
„Ja, ja – mein Zuhause…danke für Ihr Verständnis.“

„Ach ich bringe Menschen schon seinen sehr lange an ihr Ziel, manche sind gesprächig und manche wollen ihre Ruhe. Mit den Jahren lernt man den richtigen Ton zu finden.“
„Ja das ist sicher so – sowas lernt man mit den Jahren“, und richtete meinen Blick wieder nach draussen. Wir fuhren an meiner alten Schule vorbei. Sie wurde nicht mehr benutzt. – Statische Mängel.
„Hat auch schon bessere Tage gesehen, diese Schule, nicht wahr? Jedes Mal, wenn ich in meinem Taxi daran vorbeifahre, fehlt eine weitere Fensterscheibe, Ist der Spielplatz ein bisschen mehr überwuchert und ist die Rutsche ein wenig rostiger. Schwer vorzustellen das hier einmal Freude herrschte, aber alles vergeht, wenn man die Zeit doch nur aufhalten könnte. Gingen sie hie in die Schule?“ Die verordnete Ruhe hatte nicht lange gehalten. Aber mein Fahrer hatte recht, die Schule war in einem schlechten Zustand.
„Ja das war meine Schule. Die Stadt hat auf der anderen Seite der Gleise eine neue gebaut – mit Turnhalle.

„Ja auch an dieser fahre ich oft vorbei. Sehr modern, aber ich persönlich finde sie schrecklich. Dieses quadratische Monstrum. An den Charme des Alten kommt die Moderne nicht heran. Oder was meinen Sie?“

„Nein, nein. Wahrscheinlich nicht. Aber wenigstens ist es warm und trocken und den Kindern fällt nicht die Decke auf den Kopf.“

Mein Taxifahrer stiess einen lauten, warmen Lacher aus.
„Da haben sie sicher Recht mein Lieber.“ Erwiderte mein Fahrer lachend. Er fuhr fort „aber sogar in der Hölle ist es Warm und trocken.“

„Mhm“ summte ich nickend. Ich blickte wieder aus dem fahrenden Auto. Das Abendrot hatte sich über den Horizont gelegt.

„Ich muss ihnen beichten, oft beneide ich meine Passagiere. Sie kommen von überall her, erzählen von ihren Reisen, während ich immer nur meine Tour fahre.“

Ich atmete laut aus Der Anstand verbot es mir, die unerwünschte Unterhaltung abzuwürgen. Und freundlich auf meine Müdigkeit hinzuweisen, hatte vorher nicht funktioniert und würde auch jetzt nicht funktionieren. Folglich musste ich akzeptieren, dass ich ihm viel mehr Passagier war als er mir Chauffeur.

„Ach, meine Reise war ja jetzt nichts Besonderes.“
„Das sagen sie alle, aber überall und immer erlebt man was Besonderes. Neue Menschen, die man trifft, neue Dinge, die man tut. Neue Abenteuer, auch wenn nicht jedes geeignet ist, darüber zu sprechen.“

Ich zuckte kurz, fing mich aber schnell wieder.
„Manchmal gibt es wirklich nichts zu erzählen“ sagte ich. Beinahe hätte ich noch angefügt, dass ihm das scheinbar völlig fremd wäre, liess es aber sein. Der Chauffeur, als spürte er, dass ich eigentlich noch etwas anfügen wollte, war einige Sekunden ganz ruhig. Im Innenspiegel sah ich seine gelbgrünen Augen, die mich zu beobachten schienen. Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Ach schauen sie hier, der Märli-Spielplatz. Aber gerade sind keine Kinder drauf, ist aber auch schon spät. Haben Sie Kinder?“
„Ja, zwei, ein Junge und ein Mädchen. Elias und Hannah.

Mein Herzschlag beruhigte sich beim Gedanken an die beiden, ich lächelte innerlich, doch dann verengte sich mein Brustkorb. Ich begann, flacher zu atmen.

„Was für schöne biblische Namen. Mir waren nie eigene Kinder vergönnt“ sagte der Chauffeur freundlich. „Meine Passagiere sind meine Kinder.“ Fügte er lachend hinzu.

Ich nickte. Seine ruhige und liebenswürdige Stimme beruhigte mich und so antworte ich versönlich „Vielleicht wird es ja noch was.“

„Eher nicht, aber so ist das eben. Und Sie, sind ihre Kinder mit Ihnen und Ihrer Frau oft auf dem Märli-Spielplatz.

Wiederum verengte sich meine Brust.
„Nein, nie“ antworte ich schroff. Es war eine Lüge, aber die Ausfragerei begann unangenehm zu werden. Es ging ihn nichts an.
Der Chauffeur lachte laut. „Das glaube ich Ihnen nicht. Alle Familien aus der Gegend gehen doch auf den Märli-Spielplatz. Nur Sie nicht. Haben Sie Angst vor dem bösen Wolf?“ witzelte er.

Angriffig antwortete ich: „Nein, vor bösen Wölfen fürchte ich mich nicht“
„Aber Wölfe reisen Schafe“
„Nur wenn Sie Hunger haben, das macht sie nicht böse.“

„Genau, genau!“ rief der Chauffeur begeistert und fügte weiter an: „Der Wolf braucht sich nicht zu schämen, wenn er seinem Naturell folgt.“

Ich presste meine Zähne zusammen. Ich wollte seine Zustimmung nicht.
„Und was, wenn er es doch tut?“ Kaum hatte ich die Frage ausgesprochen, bereute ich es. Ich wusste, was der Taxichauffeur sagen würde.

„Dann würde der Wolf verhungern, sozusagen an seinem Scham zugrunde gehen.“

Der Taxichauffeur wartete ab, ob ich dem etwas entgegenzusetzten hatte. Ich schwieg. Seine gelbgrünen Augen im Innenspiegel wurden zu schmalen, leuchtenden Sicheln und von Lachfalten umhüllt. Mein Wortlosigkeit schien ihn zu erfreuen. Er fuhr fort:

„Aber nie hat sich ein Wolf zu Tode gehungert. Der Hunger ist stärker als der Scham, er treibt den Wolf immer wieder zurück zu seinem Naturell. Die Natur obsiegt über die Moral. Immer“ Ich schwieg weiter.

„Für den Wolf ist Hungern sinnloses Leid, ein Kampf gegen sich selbst, den er nur verlieren kann.“

Mein Brustkorb wurde weiter zusammengedrückt.  
„Sehen sie den Himmel, er ist Feuerrot“.

„Ja, ich sehe es, wunderschön“
„Nicht wirkl“ weiter kam ich nicht.  
„WO WAren wir? Ja, genau, bei der Natur des Wolfes.“ sagte der Taxichauffeur bestimmt.
Freundlich und leiser fuhr er fort.
„Nur der Mensch will dem Wolf das Wolfsein austreiben. Ihn domestizieren und zum Hündchen machen. Das ist die wahre Sünde.“

„Aber Hunde sind zufrieden.“ Alsbald ich das gesagt hatte, zog sich die Augenpartie im Innenspiegel angewidert zusammen.

„Eine aufgezwungene Zufriedenheit. Wer würde freiwillig den weiten Wald gegen eine Hundehütte tauschen? Die Freiheit gegen eine Leine. Das saftige Fleisch von Hirschen, Rehen und Schafen gegen den immer gleichen Industriefrass?“

Der Druck auf meiner Brust wurde unerträglich. Atmen war mir nicht mehr möglich.
„LASSEN SIE MICH RAUS“ schie ich und befreite meinen zusammengepressten Brustkorb.

Der Taxichauffeur drückte gemächlich auf die Bremse.

„Natürlich, kein Problem, wir sind ja auch bei ihrem Hüttchen angelangt. Jeder meiner Passagiere kann selbst entscheiden, wann er aussteigt“

„Und ich steige jetzt aus.“

„Sind sie sich ganz sicher, ich kann sie an jeden Ort bringen, den sie begehren. Wieder ins Nachbarsdorf? Oder in den weiten, freien Wald“ sagte er der Taxichauffeur freundlich.

Ich blickte auf mein kleines Häuschen. Auf die Kreideschmierereien auf der Einfahrtstrasse, den gut gepflegten Garten, den Apfelbaum mit der Schaukel.

„Nein, danke!“ sagte ich, ohne zu zögern.

Ich öffnete die Tür und war bereits mit einem Bein draussen, da erhob der Taxichauffeur nochmals seine Stimme.
„HALT“
Ich zuckte nochmals zusammen. Angespannt schaute ich meinen Taxichauffeur an.
„Was?“ fragte ich mit zitternder Stimme.

„Das macht fünfundsechzigfünfzig.“

Ich holte eine hundertfranken Note aus dem Portemonnaie.
„Gut so, danke“ und stieg aus.

Fabian Ab Yberg
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