Es war 1443. Noch zwei Minuten, dann würde es beginnen. Der Sekundenzeiger drehte seine Runde. Er würde sich nicht aufhalten lassen. Es gab keine Möglichkeit mehr, das Unvermeidliche noch abzuwenden, es würde zum Gefecht kommen. Ein Gefecht um Leben und Tod.
Ryan trommelte mit seinem grossen Zeh gegen seine Schuhsohle. Den Trick hatte er von seinem Vater. Nervosität abbauen, ohne gleich als Zappelphilipp wahrgenommen zu werden. Nur die Schuhspitze erhob sich leicht – aber das würde fast niemand bemerken. Einer würde sich von Ryans demonstrativer Gelassenheit nicht täuschen lassen. Paul kannte ihn zu gut. Und Ryan kannte Paul zu gut.
Die Gelassenheit seines alten Kampfgefährten war nicht gespielt, die war echt. Mut oder Dummheit, im Endeffekt machte das keinen Unterschied. Die beiden warfen sich einen Seitenblick zu.
„Wir haben schon Schlimmeres überlebt, es wird schon kommen, wie es kommen soll“, gab Paul ihm mittels eines Augenzwinkerns zu verstehen.
Ryan war sich nicht so sicher. Er schloss seine Augen. Nur kurz. Nur ein verlängertes Blinzeln. Nur lange genug, um im Kopf nochmals alles durchzugehen. Hätte er sich besser vorbereiten können? Auf alle Eventualitäten vorbereiten, sich jedes Detail einprägen? Ja, sicher. Aber hätte das wirklich einen Unterschied gemacht? Wenn man an der Front ist, hilft alle Vorbereitung nicht mehr, dann muss man einfach funktionieren, sich auf seine Instinkte verlassen.
Ryan öffnete seine Augen wieder. Seine Pupillen waren auf die Uhr gerichtet.
Fünfundfünfzig, sechsundfünfzig, siebenundfünfzig, achtundfünfzig, neunundfünfzig, 1444, Zeit, Position zu beziehen.
Paul stand auf. Ryan blieb noch für einen Moment sitzen. Er wollte die schützende Stellung nicht verlassen, aber er hatte keine Wahl. Gleich würde ein entscheidender Kampf beginnen.
Paul blieb neben ihm stehen und klopfte ihm auf die Schulter. Ryan atmete aus und stand auf. Schulter an Schulter marschierten sie nach vorne in die Todeszone.
Als sie in der vordersten Kampflinie angekommen waren, blickten sich die beiden wieder an. Wer sollte den Anfang machen? Nicht einmal das hatten sie geregelt. Ein Himmelfahrtskommando – und dann noch ohne jeden Schlachtplan.
Verdammt, wir sind Idioten, dachte sich Ryan.
Nach wenigen Sekunden des Starrwettbewerbs gab er nach. Er würde zuerst das Feuer eröffnen. Die Uhr zeigte 1445. Kampfbeginn.
„Liebe Mitschüler, lieber Lehrer, willkommen zu unserem Vortrag über die Schlacht von St. Jakob.“


