«Die Suppe ist versalzen.» Die Staatsanwältin blickte dem Anwalt vorwurfsvoll in die Augen, liess den Löffel in die Suppe fallen und schob Teller samt Löffel langsam so weit von sich weg, wie ihre Armlänge es erlaubte. Nun lehnte sie sich, ihre Augen immer noch auf den Anwalt gerichtet, in den Stuhl, verschränkte die Arme und fügte an: «Das esse ich nicht.»
Der Anwalt sass während der ganzen Szene stocksteif auf der anderen Tischseite und verzog keine Miene. Er hob nun seinen Löffel auf, tauchte ihn in die Suppe, führte ihn zum Mund, blies und kostete.
Ordentlich legte er seinen Löffel wieder an seinen angedachten Platz rechts neben dem Teller, korrigierte ihn noch etwas nach unten und lehnte sich, begleitet von einem langgezogenen Ausatmen, ebenfalls in seinen Stuhl. Streng und ruhig erwiderte er den Blick der Staatsanwältin für einige Sekunden. Er zog die Mundwinkel zu einem leichten Lächeln, als er sagte: «Das stimmt nicht.»
Die Staatsanwältin lehnte sich wieder vor, streckte die Hand hoch, schnippte mit dem Finger und rief laut: «Ich verlange nach dem Koch!»
Alle Tische im «Zur Goldenen Waage» stellten ihre Tischkonversationen ein und richteten den Blick auf die Staatsanwältin. Die Türe zur Küche öffnete sich, die Köchin trat hinaus, nahm die Toque ab, schritt zügig auf die Staatsanwältin zu und fragte freundlich, wie sie helfen könne.
«Setzen Sie sich», sagte die Staatsanwältin und zeigte auf einen leeren Stuhl über Eck.
«Darf ich fragen, wieso?»
Die Staatsanwältin erhob sich, liess ihre Augen durch den Raum schweifen und versicherte sich der Aufmerksamkeit der anderen Tische.
«Sie stehen unter Anklage, unsere Suppe versalzen zu haben.»
Die Köchin blieb regungslos stehen. Mehrmals öffnete sie den Mund leicht, nur um ihn sofort wieder zu schliessen. Der Anwalt erhob sich, ging zum freien Stuhl, zog ihn unter dem Tisch hervor, ging zur Köchin, legte ihr den Arm um die Schulter und leitete sie zum Stuhl. Während des ganzen Vorgangs sprach er mit tiefer Stimme leise zur Köchin, die ihm nur widerwillig folgte.
«Setzen Sie sich nur, keine Sorge. Die Suppe ist nicht versalzen, und ich werde das beweisen.»
Die Staatsanwältin wandte sich an die Angeklagte, während der Anwalt zu seinem Platz zurückkehrte.
«Köchin, Sie sind angeklagt, unsere Zwiebelsuppe versalzen zu haben. Nicht ein bisschen zu gut gewürzt – nein, ungeniessbar versalzen ist diese Zwiebelsuppe», sagte sie und zeigte mit dem Finger auf den Suppenteller. «Es ist undenkbar, dass in einem solchen Lokal ein derartiger Fehler passiert. Die Anklage kommt zum Schluss, dass dies nur bedeuten kann, dass die Suppe absichtlich versalzen wurde. Ich übergebe an die Verteidigung.»
Der Anwalt stand wieder auf, wandte sich den anderen Tischen zu, nahm einen tiefen Atemzug und sprach:
«Geehrte Gäste. Ich wollte keine öffentliche Verhandlung. Aber die Staatsanwältin hat meine Mandantin öffentlich angeklagt, und ich werde die haltlosen Anschuldigungen nicht hier im Raum stehen lassen. Wir plädieren auf nicht schuldig. Bevor ich der Anklage für die Beweisaufnahme übergebe: Ist ein Richter im Raum?»
Niemand meldete sich.
«Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, wir können keinen Prozess ohne Richter abhalten. Wenn sich niemand freiwillig meldet, werden wir bestimmen, wer den Prozess führen wird.»
Weiterhin meldete sich niemand.
Der Anwalt lief zum gegenüberliegenden Tisch, an dem eine Familie mit ihrem Kind sass.
«Für einen derart heiklen Fall brauchen wir absolute Unbefangenheit.»
Er zeigte auf das kleine Mädchen, das gerade dabei war, eine Erbse in möglichst kleine Teile zu zerschneiden.
«Stimmt die Staatsanwaltschaft der Richterwahl zu?»
Die Staatsanwältin nickte.
Der Anwalt tippte dem Mädchen auf den Kopf, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Das Mädchen schaute ihn an.
«Tue deine Bürgerpflicht und führe den Prozess.»
Das Mädchen stand auf und ging zum Prozesstisch, wo es den vierten und letzten Stuhl erklomm. Ihre Augen, die knapp über die Tischkante ragten, musterten die Angeklagte.
Nun richtete sich die Staatsanwältin wieder auf.
«Ich komme zur Beweisaufnahme und rufe die Angeklagte in den Zeugenstand.
Sie sind die Chefköchin im ‹Zur Goldenen Waage›. Ist das korrekt?»
Die Köchin nickte.
«Und Sie haben die Zwiebelsuppe für diesen Tisch zubereitet?»
Die Köchin nickte abermals.
«Ist es üblich, dass die Chefköchin jedes Gericht probiert, bevor es die Küche verlässt?»
Nicken.
«Und haben Sie auch die Zwiebelsuppe probiert?»
Nicken.
«Wieso haben Sie dann zugelassen, dass mir die Suppe serviert wurde?»
«Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Suppe versalzen war», sagte die Köchin mit zitternder Stimme.
«Leiden Sie unter einem Verlust der Geschmacksknospen, der es Ihnen unmöglich macht, Salz zu schmecken?»
«Nein, natürlich nicht.»
Nun wandte sich die Staatsanwältin wieder an den Saal.
«Sie haben es gehört. Die Köchin hat die Suppe zubereitet, probiert und trotzdem serviert. Das beweist, dass die Köchin mit voller Absicht versucht hat, mir eine versalzene Suppe vorzusetzen. Ich übergebe der Verteidigung.»
Der Anwalt erhob sich wieder.
«Geschätztes Gericht. Die Argumentation der Staatsanwaltschaft scheint schlüssig, beruht aber auf einer falschen Prämisse. Geschmack und Konsistenz der Zwiebelsuppe sind makellos – sie ist eben nicht versalzen. Deshalb hat die Köchin die Suppe servieren lassen, weil sie nicht davon ausgehen konnte, dass die Staatsanwältin geschmackvolle Würzung nicht zu schätzen weiss. Bei meiner Mandantin liegt keine Schuld. Ich rufe die Richterin auf, die Suppe als Unabhängige zu kosten und ihr Urteil abzugeben. Hiermit beende ich mein Plädoyer.»
Der Anwalt griff zum Suppenteller der Staatsanwältin und schob ihn zur Richterin. Mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht setzte sich der Anwalt.
Die Richterin griff mit ihrer Faust nach dem Löffel, der immer noch in der Suppe schwamm. Sie probierte die Suppe, liess sie im Mund zirkulieren, verzog ansonsten jedoch keine Miene. Nun stand sie auf dem Richterstuhl. Alle Gäste der «Zur Goldenen Waage» warteten gespannt.
Der Vater des Mädchens rief: «Was ist das Urteil, Schatz?»
Die Richterin verkündete:
«Die Suppe ist kalt.»


