Öl auf dem Oberiberg

Minimalistische Illustration eines Öl-Geysirs in den Alpen als Titelbild einer Kurzgeschichte über einen Ölfund in den Schweizer Alpen

Pauli hatte nichts. Weder hinten rechts in der Hosentasche noch unter dem Kopfkissen. Er besass kein Bankkonto und keine Wertschriften, hatte keine reichen Tanten und kein geerbtes Porzellan in der Familie. Er besass keine gute Bildung, noch sah er besonders gut aus. Umso mehr freute er sich, als er im Restaurant Löwen an einem Dienstagabend beim Kartenspiel ein kleines Stückchen Land auf dem Oberiberg gewann. Wirklich nur ein kleines Stückchen: drei auf drei Meter brachliegendes Hangland in den Alpen.

Jedem anderen hätte dieser Gewinn nicht viel bedeutet, aber für jemanden wie Pauli, der nichts besass, war schon wenig genug, um zu glauben, dass sich das Glück ihm nun zugewandt hatte. Und so kämpfte er sich am Mittwochmorgen in aller Frühe auf den Oberiberg. Schwer atmend und durchgeschwitzt stand Pauli nun mit stolzer Brust auf seinem Eigentum. Energisch rammte er seinen Spaten in den kahlen Boden, sodass dieser ächzte. Genau hier sollte sein Schicksal sich wenden, hier würde er nach Öl graben.

Pauli setzte seinen Stiefel auf den Spaten und trieb ihn in die nasse Erde. Er zog den Spaten zu sich und lehnte sich mit dem ganzen Körpergewicht auf ihn, um die Erde vom Boden zu lösen. Schwungvoll schleuderte er einen ersten Spaten voller nasser Erde hinter sich. Und dann noch einen, und noch einen, und noch einen. Bald hatte er ein kleines Loch gegraben, bald wurde der Boden aber auch lehmiger, bald klirrte der Spaten an grossen Steinen. Lehmklumpen um Lehmklumpen, Stein um Stein holte der durchnässte Pauli aus der Erde.

Das Loch wurde tiefer, der Erdhaufen höher. Als die Sonne ihren höchsten Punkt erreichte, hatte sich Pauli bereits um eine Körperlänge im Boden verschanzt. Und als das Sonnenlicht schwächer zu werden begann, befand sich Pauli bereits metertief im Boden. Die Nacht setzte ein, und im Takt der Grillengesänge flogen Erdklumpen und Steine aus dem Loch. So ging es, bis die Sonne wieder aufging, wieder unterging und wieder aufging.

Der Stammtisch im Löwen merkte zuerst, dass Pauli sich schon lange nicht mehr blicken liess. Es wurde gemutmasst, was mit ihm geschehen sein könnte.

„Das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe, ist er voller Freude zur Tür rausgehüpft, um den Flecken Hang auf dem Oberiberg, den er vom Hansi beim Kartenspiel gewonnen hat, zu besichtigen.“

„Vielleicht ist er ja noch dort. Ich werde morgen raufgehen und ihn suchen“, sagte der Förster.

Am nächsten Morgen begab sich der Förster also auf den Oberiberg. Schon von Weitem sah er einen riesigen Erdhaufen zum Himmel ragen wie ein Vulkan, der nicht Feuer, aber Erde spuckte. Der Förster bestieg den Erdhaufen und blickte in den stockfinsteren Schlot hinunter.

„Pauli?“

Er bekam keine Antwort, musste jedoch den Kopf zurückziehen, um einem heraussausenden Erdballen auszuweichen. Vorsichtig streckte er seinen Kopf wieder nach vorne.

„Pauli, was zum Teufel tust du da?“

Der Erdvulkan stellte seinen Ausbruch kurz ein und aus dem Krater ertönte es: „Öl suchen!“

„Bist du komplett wahnsinnig geworden? Komm da sofort raus!“, schrie der Förster.

„NEIN!“, erwiderte Pauli trotzig und setzte seine Grabung fort. Der Förster konnte es nicht glauben und begann vorsichtig den Abstieg. Kopfschüttelnd und fluchend begab er sich zurück ins Dorf, wo die Nachricht von Paulis Ölsuche schnell die Runde machte.

Einer nach dem anderen aus dem Dorf begab sich zu Pauli auf den Oberiberg, um sich zu vergewissern, dass der Förster ihnen keinen Bären aufgebunden hatte. Eine Gruppe von Schuljungen kam regelmässig auf den Oberiberg und rief in den Krater hinein, ob er, „Saudi Pauli“, bereits auf Öl gestossen sei. Herzhaft krümmten sich die Schuljungen jeweils vor Lachen. Pauli grub sich tiefer und tiefer in den Boden, sodass das Gelächter leiser und leiser wurde, bis er es schliesslich gar nicht mehr hören konnte.

Wochenlang ging das so. Die Schuljungen lachten, während der Erdvulkan weiter anwuchs. So auch an einem Samstagmorgen, der ausgesprochen kalt war, denn bald würde Winter sein. In dicke Jacken und Wollmützen eingepackt bestiegen die Schuljungen Paulis Erdvulkan.

„Saudi Pauli, der Winter kommt, wir brauchen Öl für die Heizung, mach vorwärts!“, spottete der erste. Lautes Gelächter.

„Saudi Pauli, der Autohändler fragt, ob er dir einen goldenen Subaru bestellen darf“, hänselte der zweite.

„Oder sind dir goldene Kamelen lieber, Saudi Pauli?“, witzelte der dritte. Nun gab es kein Halten mehr. Die drei Schuljungen kugelten herum, hielten sich den Bauch und das warme Gelächter wurde zu Atemwölkchen.

Plötzlich verfielen sie in Schockstarre. Der Vulkan begann ohrenbetäubend laut zu grollen und hin und her zu rütteln. Nur für wenige Sekunden, danach herrschte wieder Stille. Die drei Jungen sahen sich erschrocken an. Keiner sagte ein Wort. Vorsichtig krochen sie zum Krater und blickten hinunter, um zu sehen, was so einen Krach gemacht hatte. Aber sie erblickten nichts als Dunkelheit.

Und dann schoss ihnen schwarzes Öl entgegen.

Entdecke mehr von Fabian Ab Yberg

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen

Fabian Ab Yberg
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.